Ratgeber Jurastudium von RA H. (Berlin) – Wie man es nicht machen sollte!

Nachtrag vom 3. Januar 2013: Herr Rechtsanwalt H. hat mich nunmehr darauf aufmerksam gemacht, dass der Ratgeber gelöscht wurde. Die weiteren Ausführungen sind deshalb unter der Maßgabe zu lesen, dass Herr H. an den Ausführungen selbst nicht mehr festhält. Ich habe deshalb seinen Namen aus dem Blogpost entfernt.

 

Herr Rechtsanwalt H. (Berlin) hat auf seiner eigenen Internetseite einige “Ratgeber” publiziert. Darunter auch den folgenden:

Das Jurastudium
Wie studiere ich Jura? Ein Ratgeber zum Jurastudium für Studenten der Rechtswissenschaften

Als Lehrbeauftragter der juristischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin horche ich bei solchen Beiträgen natürlich auf. Um ein Ergebnis vorweg zu nehmen: Nein Herr Kollege H., dieser “Ratgeber” hat nicht das Prädikat “empfehlenswert” verdient! Er ist in weiten Teilen sogar gefährlich, weil der Autor im Grundtenor dem Studium jede Wissenschaftlichkeit austreiben will. Studenten sollen zu Falllösungsmaschinen werden und so ihr Examen meistern. Nur in wenigen Punkten ist dem Autor zuzustimmen.

Meine Anmerkungen erfolgen auch gerade in Kenntnis des Studiums und der Anforderungen an heutige Studenten, aber auch in Angst um den Verlust des letzten Funken Wissenschaftlichkeit des Studiums aus purer Examensfixiertheit (vgl. nur die Beiträge auf …jurabilis! hier und hier).

Zu Beginn versucht der Autor die Schwierigkeit des Studiums plastisch zu machen:

Gerade zu Beginn des Jurastudiums fühlt sich der neu eingestiegene Jurastudent von der übermäßig hohen Stofffülle geradezu erschlagen. […] Jeder Professor empfiehlt für sein Fachgebiet mehrere Lehrbücher, in der Regel ein oder zwei sehr umfangreiche Werke, und ein paar mit geringerer Seitenanzahl. […] Jedes einzelne Jura-Fachbuch kann dabei einen Umfang von 500 bis 700 Seiten haben, […]. Doch auch die kleineren Einstiegsbücher bzw. Grundlagenwerke haben bereist einen Seitenumfang von ca. 300 Seiten. […] Nun beginnt das Problem, das den Jurastudenten bis an sein Studiumsende begleiten wird: Der kaum zu bewältigende Stoffumfang. Betrachten wir einmal, welches Wissen sich der Student bis zum Ende seines Jurastudiums aneignen sollte: Ich habe in Bayern studiert, und hier mussten bis zum ersten Staatsexamen ca. 30 Rechtsgebiete gelernt und beherrscht werden. Kauft man nun zu jedem einzelnen Rechtsgebiet ein umfangreiches Standardwerk mit beispielsweise 500 Seiten, so wären alleine durch das Bücherstudium 15.000 Seiten zu bewältigen. Selbst bei einer Beschränkung auf die kleineren Grundlagenbücher mit 300 Seiten käme man immer noch auf 9.000 Seiten.
Dabei ist ein einmaliges Lesen nicht ausreichend, um den Stoff zu verinnerlichen. Ein immer wiederkehrendes Lesen und Lernen wäre notwendig, um diese Seitenzahlen in seinem Kopf zu verankern. Und das in acht Semestern, falls die Entscheidung für eine frühzeitige Examensteilnahme gefallen ist (Stichwort: “Freischuss”). Zu all diesen Buchseiten kommen die Vorlesungen hinzu, die Fallübungen, die juristischen Hausarbeiten, Praktika etc. Schon hier wird deutlich, dass diese Vorgehensweise als schwierig erscheint.

Die 30 Rechtsgebiete habe ich nun nicht im Detail überprüft. Die Seitenzahlen je Buch sind zwar schon richtig, allerdings wohl nicht entscheidungserheblich (gleich mehr). Aber selbst die These des Autors, wonach 15.000 Seiten beängstigend sind, ist wohl etwas übertrieben (ganz davon abgesehen, dass Studenten in anderen Staaten ein viel höheres Lesepensum haben). Nehmen wir einfach den angegebenen Stoff für 6 Semester (bei einem Jahr Wiederholung vor dem Examen): Also ca. 5.000 Seiten pro Jahr bzw. bei etwas Urlaub, Hausarbeiten und Praktika wohl ca. 500 Seiten im Monat bzw. ca. 100-150 Seiten in der Woche. Skandal! Das ist ja unglaublich, da soll der gemeine Jurastudent also 20-30 Seiten am Tag lesen? Wenn das schon zuviel sein soll? Ich finde den Umfang (reine Seitenzahl) eher noch zu kurz gegriffen. Man sollte nicht vergessen, dass das juristische Studium nun einmal ein geisteswissenschaftliches Studium ist und „Texte“ (i.w.S.) der Dreh- und Angelpunkt des Studiums sind. 20-30 Seiten eines Romans liest man in einer Stunde „runter“. Bei einem Lehrbuch mag man vielleicht 2-3 Stunden veranschlagen (wenn nebenbei im Gesetz blättert).

Weiter gehts:

[…] Das juristische Examen ist so angelegt, dass das gesamte im Jurastudium erworbene Wissen bis zum Staatsexamen präsent sein muss. Das heißt, der Jurastudent muss alles, was er in den vier Jahren seines Studiums an Wissen erworben hat, im Examen abrufbereit im Kopf haben. Es finden keine Zwischenprüfungen statt, nach deren Bestehen der Jurastudent das dort geäußerte Wissen einfach vergessen darf […]. Nein, er muss alles dauerhaft abspeichern und immer wieder wiedergeben können. Sonst hat er im Staatsexamen verloren. Aus diesem Grund erscheint es sinnvoll, die im Jurastudium abgehandelten einzelnen Rechtsgebiete kurz vor dem juristischen Examen noch einmal zu wiederholen. Doch wie soll man so viel Jura wiederholen können? Gönnt man sich für jedes einzelne Rechtsgebiet eine Woche zur Wiederholung, so kommt man bei 30 Rechtsgebieten auf eine Wochenanzahl von 30 Wochen. Alleine diese Wiederholungszeit würde schon beinahe sieben Monate in Anspruch nehmen.

Ja, das ist richtig. Eine “Abschichtung” bringt jedoch nun der Schwerpunkt. Hier kann man immerhin 30% (Notengewichtung) in der Regel im 5.-6. Semester lernen, abprüfen lassen und vergessen (so man dies als wichtig empfindet!!!). Aber was ist an einer Wiederholung von 30 Wochen nun falsch? Ob mit oder ohne Rep: Man bekommt/erstellt einen Lehrplan, gewichtet ggf. zu wiederholende oder neu zu erlernden Gebiete nach eigenen Kenntnisse und Lücken und hat dann ca. 6 Monate nur für Wiederholung des Stoffes aus den ersten Semestern.

Nun kann mir jeder Jurastudent beipflichten, dass eine einzige Woche für viele Rechtsgebiete als Wiederholungszeit nicht ausreicht. Sinnvoller wären zwei bis drei Wochen Wiederholungszeit je Fachgebiet. Besser ist ein ganzer Monat. Dann wären wir bei einer Wiederholungszeit zwischen 14 und 30 Monaten.

Nein, da kann ich nur ernsthaft widersprechen! [EDIT: vgl. mein Kommentar vom 28.11.] Wenn man es in den ersten 6 Semestern geschafft hat jeden Tag seine 20-30 Seiten zu lesen (zum Pensum s.o.), an Arbeitsgemeinschaften/Übungen teilgenommen und auch Klausuren bestanden hat, dann reicht für eine reine Wiederholung ein halbes Jahr. Diese Ansicht des Autors wird deutlich, wenn man den folgenden Teil liest:

Worauf kommt es im juristischen Examen tatsächlich an?
[…] es müssen keine auswendig gelernten Lehrmeinungen niedergeschrieben werden, sondern es ist aktiv ein ganz konkreter Fall zu lösen. Alleine mit dem Gesetzbuch muss der Student den Examensfall lösen können. Auf theoretisches Wissen kommt es dabei nicht an. Innerhalb von fünf Stunden muss der Jurastudent versuchen, den ihm vorgelegten Sachverhalt zu analysieren und anhand des Gesetzes zu einer korrekten Lösung zu bringen.

Dabei können die tausende von Buchseiten, die sich in den juristischen Lehrbüchern finden, nicht helfen. Der Examenskandidat muss vielmehr wissen, wo die entscheidenden Stellen im Fall sind, und wie diese anhand des Gesetzestextes rechtlich zu behandeln sind.

Es zeigt sich, dass damit eine erhebliche Diskrepanz zwischen der im universitären Jurastudium empfohlenen Vorgehensweise (Lesen von Fachbüchern) und der Examensrealität (Lösen eines rechtlichen Falls) herrscht.

Und hier [EDIT: vgl. mein Kommentar vom 28.11.]  wird m.E. “Methodenlehre” gleichgesetzt mit Gutachtenstil oder Subsumtionstechnik! Natürlich geht es bei der Lektüre von Lehrbüchern nicht um auswendig gelernte Lehrmeinungen! Es geht um Problembewusstsein und Systemverständnis. Das positive Gesetz ist zwingend unvollständig. Die Gesetze nach dem hiesigen Verständnis von Gewaltenteilung können und sollen nicht alle Kasuistik abbilden. Soweit auslegungsbedürftige Normen anzuwenden sind, ist es natürlich von entscheidender Wichtigkeit zu wissen, wie diese Norm verstanden wird. Das ist nicht nur in “exotischen” Rechtsgebieten wie Steuer- oder Arbeitsrecht so. Nein, schon bei den Grundrechten oder dem Europarecht wird man mit dem reinen Normtext schnell an seine Grenzen stoßen.

Nehmen wir bspw. das „sonstige Recht“ nach § 823 Abs. 1 BGB. Hier kann man natürlich gern alle Konstellationen eines Kommentars auswendig lernen, bringt nur nicht viel. Es gibt hier auch keine vorgefertigten „Lehrmeinungen“. Vielmehr muss man ein Verständnis dafür entwickeln, welchen Platz die Norm im Gesamtgefüge einnimmt und welche Funktion sie haben soll. Dann kann man auch mit guten Argumenten die Anwendbarkeit auf neue Fälle bejahen/verneinen. Oder nehmen wir bspw. das „gefährliche Werkzeug“ nach § 224 Abs. 1 Nr. 2 StGB. Auch hier kann man gerne alles auswendig lernen und zumindest „der beschuhte Fuß“ oder die „Bordsteinkante“ bleiben dem Studenten im Gedächtnis. Aber darum geht es nicht. Vielmehr um den Sinn und Zweck hinter der Vorschrift. Mit Verständnis kann man dann auch aberwitzige Fälle lösen (bspw. den hier).

Der Autor mündet zielsicher in der Katastrophe, [EDIT: vgl. mein Kommentar vom 28.11.] wenn man nur diese Ansicht als einzig Richtig ansieht:

[…]Wie kann dieses Problem vermieden werden?
Verzicht auf Lehrbücher!

Mein wichtigster Rat an jeden jungen Jurastudenten ist der folgende: Verzichten Sie vollständig auf Lehrbücher! Es bringt Ihnen nichts. Sie können sich durch das Studium juristischer Lehrbücher weder auf das Juraexamen vorbereiten, noch auf Ihre Berufstätigkeit. Sowohl im Staatsexamen, als auch im Berufsleben als Jurist/Anwalt kommt es immer wieder darauf an, unbekannte neue Fälle schnell und effizient zu lösen.

In keiner Situation werden Sie jemals die Notwendigkeit vor sich sehen, theoretische Kenntnisse aus Fachbüchern wiedergeben zu müssen. Egal ob ein Prüfungsleiter im Examen vor Ihnen steht, Ihnen ein schriftlicher Examensfall vorliegt, oder ein Mandant von Ihnen rechtlich beraten werden möchte, sie müssen in all diesen Fällen immer den präsentierten Sachverhalt anhand des Gesetzes schnell und richtig lösen. Diese Fähigkeit erwirbt man durch das Lesen von juristischen Fachbüchern nicht.

Ach was? Keine Lehrbücher? Kein Verständnis? Nur „Gesetzesanwendung“? Wie will man so verständig mit neuen / geänderten Normen umgehen? Wie kann ich eine Norm aus dem Gesamtzusammenhang „richtig lösen“ ohne den Zusammenhang erkennen zu können? [EDIT: vgl. mein Kommentar vom 28.11.] „Theoretische Fachkenntnisse“ sind spätestens in der Begründetheit einer Klage in der auch um das Recht und nicht nur um den Sachverhalt gestritten wird von essentieller Bedeutung. Zwar könnte man versucht sein nach dem Grundsatz „da mihi factum, dabo tibi ius“ zu arbeiten. Aber will der Mandant wirklich alles vom Gericht erklärt bekommen und nicht vom Anwalt? Nein Herr Kollege, diese Ansicht ist m.E. schlicht falsch und für die Praxis völlig unverantwortlich!

Aber weiter:

Wie kann ohne Fachbücher eine Jurastudium bewältigt werden?
Der wichtigste Weg zu einem erfolgreichen Abschluss im Fach Rechtswissenschaften ist der, konsequent und von Anfang an Fälle zu lösen. […] Wenn Sie das Gesetz zu Beginn Ihres Studiums oder bei der Neubearbeitung eines Rechtsgebietes noch nicht so gut kennen, dann bleibt Ihnen zunächst nichts anderes übrig, als alle Normen, die für eine Lösung in Betracht kommen, zu lesen. Fehlen die notwendigen Kenntnisse, so sind Sie sogar dazu gezwungen, beinahe alle Paragraphen zu lesen, die irgendwie damit zu tun haben könnten. […] Aber genau dieses langsame und ausführliche lesen der einschlägigen Paragraphen führt dazu, dass Sie früher oder später auf eine Lösung kommen. Plötzlich sehen Sie, auf welche Weise der Ihnen vorliegende Sachverhalt anhand des Gesetzes bearbeitet werden kann. […]Sie nehmen sich einen Fall nach dem anderen vor, beispielsweise aus dem Kaufrecht. Zwar haben Sie neue Sachverhalte vor sich liegen, das Gesetz bleibt aber das gleiche. Sie lesen also immer und immer wieder das gleiche Gesetz, müssen daraus aber jeweils neue Lösungswege entwickeln.

Können Sie erkennen, worauf ich hinaus will? Der entscheidende Trick bei dieser Vorgehensweise ist der, dass Sie gezwungen sind das Gesetzbuch, das einzige, was Ihnen im Examen zu Seite steht, immer besser und besser kennenzulernen.[…]

Hätte der Autor etwas methodische Grundlagen gelernt, würde er einen Ansatz von „induktiver Methode“ erkennen. Das ist kein Trick! Die positive Norm aus allen Blickrichtungen verstehen zu wollen und auf ein gemeinsames Merkmal / Prinzip schließen ist induktives Arbeiten. Das mag eine Variante sein, aber diese allein (sic!) ist m.E. zu umständlich und fehleranfällig. Die Lektüre eines Lehrbuchs VOR der Fallbearbeitung liefert nämlich vertiefte Kenntnisse um auch „deduktiv“ arbeiten zu können: Vom allgemeinen Prinzip her den konkreten Sachverhalt lösen. Wer die allgemeinen Prinzipien des Schuld- und Sachenrechts versteht, der kann auch einen Kaufrechtsfall lösen. Ohne Kenntnisse der Prinzipien und Systematik endet jede Falllösung nur in einem „stochern im Nebel“ ohne Verstand, einfach in der Katastrophe. Wie will man bspw. allein aus den Normen des BGB das Zusammenspiel von BGB AT, allgemeinen Schuldrecht, besonderem Schuldrecht und ggf. Sachenrecht verstehen? Wie?

Damit nicht genug, der Autor gibt dann noch weitere praktische Weisheiten mit auf den Weg:

Soll ich den “Freischuss” nach acht Semestern wagen, oder mich besser für eine längere Studiumszeit (zehn oder zwölf Semester) entscheiden

 

[…] Das Problem ist, dass das typische Jurastudium für einen sehr langen Zeitraum von zwölf Semestern ausgelegt ist. Das heißt, die Stoffmenge, die Sie bis zum ersten Staatsexamen beherrschen müssen, ist für einen Lernzeitraum von sechs Jahren ausgelegt. Meiner Erfahrung nach ist das korrekt. […]

Dennoch wählen viele Studenten den kurzen Weg von nur acht Semestern, um den zusätzlichen Versuch für das Absolvieren des ersten Staatsexamens wahrnehmen zu können („Freischuss“). In diesem Fall ist eine Stoffmenge von zwölf Semestern innerhalb von acht Semestern zu erlernen. Das ist möglich, bedeutet aber sehr viel Stress und ein ununterbrochenes vierjähriges Lernen.?

Sechs Jahre? Hilfe, nein! Das Studium ist auf vier Jahre angelegt und wenn man keinen Mist macht, ist es auch in dieser Zeit schaffbar (die Zahlen der Freischusskandidaten bezeugen dies). Wenn man natürlich nie ein Lehrbuch in die Hand nimmt (oder Vorlesungen besucht, s.u.), dann wird es schwierig. Wenn man dann noch zweimal ins kommerzielle Repetitorium geht (auch s.u.), dann wird es langsam verständlich. Das Studium ist aber so angelegt, das man die Grundlagen in den ersten fünf Semestern legen kann. Dann folgt ein Schwerpunktstudium und dann eine einjährige Examensvorbereitung. Verlängerungen sind individuelle Leistungsfrage, aber man sollte nicht die grundsätzliche Annahme in den Raum werfen, man benötige immer sechs Jahre (zwölf Semester!). Und nein, Freischuss bedeutet auch nicht ununterbrochenes Lernen! In den ersten drei bis vier Semestern beschränkt sich der Aufwand auf Universitätsaktivitäten (Vorlesungen, Übungen) und die besagten 30 Seiten Lehrbuch täglich. Dazu 1-2 Hausarbeiten p.a. und vor den Klausuren etwas Fallübung. In der ersten Studiumshälfte macht man sich wahrlich nicht kaputt!

Soll ich Vorlesungen besuchen? Welche Veranstaltungen im Jurastudium sind sinnvoll, und welche nicht?

 

[…] Ich bin der Ansicht, dass der Besuch von juristischen Vorlesungen reine Zeitverschwendung ist. Man erhält nicht die Informationen, die benötigt werden, sondern die, die der Professor von sich gibt. Der Vortrag des Dozenten ist meist reine Theorie, der Student benötigt jedoch Praxiswissen in Bezug auf das Lösen von Fällen. Meines Erachtens nach kann ein Jurastudent daher auf den Besuch von rechtswissenschaftlichen Vorlesungen verzichten! […]

Und so zieht sich die Auffassung es Autors wie ein roter Faden durch sein Programm. Klar wird dann auch, warum der Autor eine 6 jährige Studienzeit für notwendig erachtet:

Zusammenfassend möchte ich Ihnen die folgenden Ratschläge mit auf den Weg geben: Stellen Sie sich Ihren jeweiligen Semester-Vorlesungsplan so zusammen, dass er möglichst viele Veranstaltungen beinhaltet, die sich mit der Lösung von konkreten juristischen Fällen beschäftigen. Verzichten Sie auf Vorlesungen, die reine Theorie abhandeln. Belegen Sie die Veranstaltungen zur Falllösung mehrmals, und ziehen Sie solche vor, die eigentlich erst für das nächste Semester gedacht sind. Besuchen Sie wiederum die, die Sie bereits kennen, noch einmal. Sie werden überrascht sein, wie viel neues Sie dabei erfahren.

Ja, repetitio est mater studiorum! Das heißt doch aber nicht, dass man in Falllösungsübungen mehrmals gehen sollte. Insbesondere wenn man bedenkt, dass die Fälle von Jahr zu Jahr die gleichen bleiben, da sie didaktisch ausgesucht sind und nicht willkürlich wie Platten vom DJ aufgelegt werden.

Aber damit noch nicht genug “Examenstaktik”:

Welchen Schwerpunktbereich soll ich im Jurastudium wählen?

[…] Eines aber vorab: Der Anteil des Schwerpunktbereiches am gesamten Jurastudium ist so gering, dass dessen Einfluss wesentlich kleiner ist, als es die meisten Studenten für möglich halten. Sie werden sich im späteren Berufsleben innerhalb kürzester Zeit in die verschiedensten Rechtsbereiche einarbeiten können, selbst wenn diese Ihnen zunächst schwierig und schwer beherrschbar vorkommen. […]

Der gut gemeinte Ratschlag, der durch ständige Wiederholung nicht besser wird. Statt ein interessantes Studium zu absolvieren gleich das Examen einkalkulieren. Das Examen ist natürlich wichtig, aber nicht alleiniger Zweck. Die ersten vier Semester meines Studiums (zzgl. eines Erasmussemesters) hatte ich keine Ahnung, was dieses Examen bedeutet. Ich habe mich auch nicht darüber informiert und insoweit auch keinerlei Taktiküberlegungen angestellt. Es hat mir auch nicht geschadet.

Aus diesem Grund empfehle ich Ihnen, die Wahl auf einen Bereich zu setzen, der Ihnen im Examen mit geringem Aufwand eine hohe Punktzahl in der Klausur verspricht. Meines Erachtens nach ist das beispielsweise der Bereich der Rechtsgeschichte. […]

Tja, und nun liebe Leser, warum wird wohl Rechtsgeschichte empfohlen? Weil man die Geschichte des Rechts im Nationalsozialismus und der Teilung aus der Schule kennt? Weil man Judgment at Nuremberg schon im Spätprogramm gesehen hat? Weil man mit Asterix-Comics Grundlagen im römischen Recht gelegt hat? Warum?

Dieser Schwerpunktbereich stellt an den meisten juristischen Fakultäten eher ein Nischenfach dar, und wird nur von wenigen Studenten gewählt. Umso mehr freut sich der betreuende Professor, wenn ein Student dieses Fach als Wahlfach wählt.

Da fällt einem nichts mehr ein. Mit reinem “Interesse vorgaukeln” soll man also in den Klausuren und Seminararbeiten gute Punkte einfahren? Wie will man eigentlich den Stoff ohne Lehrbuch und Vorlesung erarbeiten? Man sollte schon etwas Begeisterung für die Sache mitbringen: Nur die Note im Blick zu haben ist töricht. Woher weiß man, ob die anderen 15 Studenten die diesen Schwerpunkt wählen nicht wahrhaft begeistert sind durch ihr Latinum oder durch die Lektüre von Pandekten und Digesten? Nein, den Schwerpunkt sollte man eher nicht “examenstaktisch” wählen, sondern rein nach Interesse. Nur wer Interesse an einer Sache hat, wird auch gut darin.

Für Studenten aus bayerischen Fakultäten gibt es noch einen anderen Tip:

Studieren Sie in Bayern, so müssen Sie im zweiten Staatsexamen das Steuerrecht beherrschen. […] Insofern kann es eine vernünftige Alternative sein, wenn Sie bereits im ersten Staatsexamen das Wahlfach „Steuerrecht“ bzw. den Schwerpunktbereich „Wirtschaft und Steuern“ wählen. Sie gewinnen dadurch frühzeitig eine wesentliche Erleichterung für das zweite Staatsexamen, da sie dann schon das entsprechende Grundlagenwissen im Steuerrecht mitbringen. […]

Zudem ist es im Steuerrecht gut machbar, bereits im ersten Staatsexamen eine zweistellige Klausurenpunktzahl zu erreichen. Es ist tatsächlich so, dass man alleine schon durch die Wahl des Faches Steuerrecht einen Bonus beim Korrektor erhält. […]

Planen Sie später einmal, sich als Rechtsanwalt selbständig zu machen, so können Ihnen Ihre im Studium erworbenen Kenntnisse im Steuerrecht dabei sehr gut behilflich sein. Bereits im Studium lernen Sie viel über die steuerrechtliche Gewinnermittlung eines Rechtsanwaltes, da diese Berufsgruppe verständlicherweise in zahlreichen Beispielfällen zur Illustration herangezogen wird. […]

Ja. Was soll man dazu sagen? Klar kann ich als Steuerrechtler jedem nur zum Schwerpunkt Steuerrecht raten. Allerdings nicht nach den obigen Entscheidungskriterien. Kuschelnoten werden nicht verschenkt (kann ich als Prüfer der mündlichen Prüfungen im Schwerpunkt der HU-Berlin bestätigen) und um praktisch anwendbares Steuerrecht im Anwaltsberuf geht es garantiert auch nicht. Das ist Augenwischerei!

Es folgt Ratschlag Nr. 5

Wie schreibe ich eine Hausarbeit in zehn Tagen?

und hier kann ich doch endlich auch in vielen Punkten zustimmen. Puuuhh…

[…] In einem ersten Schritt müssen Sie den Sachverhalt wie einen ganz normalen Fall lösen, nur mit Hilfe des Gesetzes. Stellen Sie sich einfach vor, dass es sich bei der Hausarbeit um einen Klausurfall handelt, den Sie jetzt innerhalb von ein paar Stunden lösen müssen. Verzichten Sie daher zunächst auf weiterführende Literatur und Kommentare, sondern erstellen Sie eine simple Lösungsskizze des Falls als Gliederung. […] In einem zweiten Schritt greifen Sie nun zu einem Kommentar, und lesen alle Kommentierungen zu den von Ihnen in der Lösungsskizze aufgeführten Paragraphen. […]

Soweit so gut. Genauso sollte man es auch machen um sich nicht zu verzetteln. Nur den folgenden Schritt

Nun suchen Sie die von Ihnen aufgefundenen Artikel zusammen und kopieren diese aus den gebundenen Ausgaben der Fachzeitschriften in Ihrer Bibliothek. Das Lesen der Fachartikel wird Ihnen die Augen öffnen: Plötzlich finden sich hier zahlreiche Stellen, die nahezu haargenau den Sachverhalt Ihrer Hausarbeit wiedergeben.

So einfach ist es nun auch nicht. Ok, vielleicht in der Anfängerhausarbeit, aber nicht mehr im Hauptstudium. Ich erinnere mich gern an meinen großen Schein im Zivilrecht, dort drehte sich alles um aktuelle OLG Rspr. zu der noch kein “Basta” vom BGH vorlag. Da es recht aktuell war gab es auch nur 2-3 Aufsätze.

[…] Am Ende schließen Sie sich der herrschenden Meinung an, um in der Hausarbeit kein Risiko einzugehen. […] Am Ende liegt Ihnen eine Hausarbeit vor, die Ihnen mit großer Wahrscheinlichkeit eine zweistellige Punktzahl einbringen wird.

Das vage ich zu bezweifeln! Ohne kritische Würdigung kommt man ggf durch die Hausarbeit im Grundstudium, aber nicht nur das Hauptstudium und schon gar nicht durch ein Seminar!

Den Hinweis

Vermeiden sollten Sie auf jeden Fall das sinnlose und unstrukturierte Lesen in juristischen Schulungs- bzw. Lehrbüchern. Egal um welches Buch es sich handelt, das Lesen von Büchern hat bei der Erstellung einer Hausarbeit nichts verloren

lasse ich unkommentiert.

Es folgt Ratschlag Nr. 6

Ist es empfehlenswert, neben dem Studium bei einem Anwalt zu arbeiten?

Natürlich kann ich nicht vollumfänglich zustimmen, aber ein Ratschlag dem man im Großen und Ganzen zustimmen kann.

Dafür hält Ratschlag Nr. 7 wieder interessante Ideen parat!

Wie besuche ich ein Repetitorium so effektiv wie möglich?

Repotitorium? Gut, über Sinn und Zweck kann man auch streiten, gehen wir aber für diesen Beitrag davon aus, das es zahlreiche Studenten gibt, denen das Rep vor dem Examen durchaus hilft. Der Autor hat nun jedoch einen interessanten Ansatz:

[…] Wie kann nun, angesichts dieses straffen Zeitplans, der zweimalige Besuch eines juristischen Repetitoriums eingeplant werden? […] Innnerhalb weniger Wochen lernt man in einem Repetitorium so viel, wie im gesamten vorherigen Jurastudium. Sofort bereuen die meisten Jurastudenten, dass sie das Rep nicht viel früher aufgesucht und stattdessen zuviel Zeit an der Universität verbracht haben. […] Ich empfehle Ihnen das folgende: […] besuchen Sie ein privates Repetitorium zweimalig. Nutzen Sie dafür beispielsweise das vierte und fünfte Semester für den ersten Durchgang, und dann das sechste und siebte Semester für den zweiten.

Wie wäre es statt dessen mit der Lektüre von Fachbüchern? Wieviel Seiten Lehrbuch schafft man noch gleich an 3-4 Vormittagen in der Woche?

Seien Sie nicht von dem Gedanken irritiert, dass Sie ohne Vorkenntnisse nicht in ein Repetitorium gehen könnten. Dieser Gedanke ist absolut fatal! Sie können im Rahmen Ihres universitären Studiums maximal 20 Prozent des examensrelevanten Wissens erlangen. Die restlichen 80 Prozent werden Ihnen im Repetitorium beigebracht.

Und warum Herr Kollege? Warum? Weil die Studenten nur stupide ihre Fälle lösen wie ein Subsumtionsautomat, Definitionen auswendig lernen und Standardstreits wiederkäuen. Wer hingegen schon frühzeitig Bücher (und nicht nur Richter- oder Niederle-Skripten) liest, der kann durchaus auch auf höhere Werte kommen.

Was bleibt? Man kann nur hoffen, das viele Studenten den Schmarrn (und mehr ist es leider nicht) nicht lesen bzw. über Google zu dieser Kritik geleitet werden. Ein erfolgreiches Jurastudium ist ohne Fleiß nicht denkbar, insbesondere Lesefleiß. Der Umgang mit dem Text ist die entscheidende Übung. Den richtigen Umgang lernt man auch noch in der Universität. Hier sollte man sich auch ruhig im ersten Semester “treiben” lassen: In Vorlesungen, in Übungen und in die Bibliothek. Gerade letztere wird ohnehin oft zum 2. zu Hause bis nach dem 2. Examen. Also keine Scheu! Und nicht vergessen: Falllösung ist wichtig, aber ohne Grundlagen wird es nur zum lausigen Examen reichen.

27 comments on “Ratgeber Jurastudium von RA H. (Berlin) – Wie man es nicht machen sollte!

  1. Die Argumentation zum Schwerpunktbereich ist lückenlos und überzeugend! Hier mal die Statistik zum SPB der Uni HH von 2011 inklusive Rechtsgeschichte mit 2 Prüflingen: http://666kb.com/i/c9bczou16jh5jhafj.jpg

  2. ElGraf on said:

    Wäre interessant, wenn Herr Kollege H. sich mal dazu äußern würde. Hast Du ihn auf diese “Kritik” hingewiesen?

  3. Großes Lob an Tibor Schober! Dem Text kann ich im großen und ganzen nur zustimmen, bis auf den Teil mit den Vorlesungen: Dort hat Herr H. meiner Ansicht nach definitiv recht. Die meisten Lesungen bringen rein gar nichts. Entweder weil der Prof didaktisch nichts drauf hat, oder weil er de facto ziellos nur aus dem Nähkästchen erzählt. Beides ist reine Zeitverschwendung. Ich möchte die These aufstellen, dass von 10 Vorlesungen nur 2 so gut sind, dass man sie unbedingt besuchen sollte. Der Rest ist zu Hause meistens stressfreier, schneller und besser angeeignet. Sicherlich ist das aber auch eine Frage des Lerntyps.

    Ich kann von mir berichten, dass ich regelmäßig nicht in die Vorlesungen gegangen bin und am Ende trotzdem gute Punktzahlen mitgenommen habe.

    Ansonsten: Volle Zustimmung. Dieses Bedürfnis nach “Bolemie-Lernen” im Jurastudium geht mir langsam auf den Geist…

  4. Fabian on said:

    Eine in weiten Teilen überzeugende Kritik an der Empfehlung des RA H.
    Klar ist natürlich, dass jeder seine eigene Examensvorbereitungsart finden muss (sei es auch ein Rep). Aber 2x in ein Rep? Da meint man ja schon fast, da wird jemand von diesen Besagten gesponsort :D Ich halte ja schon 1x für unnötig. (was aber wieder eine persönliche Entscheidung ist).
    Wenn man schon 1x ins Rep geht, sollte man vielleicht auch zuhören und vor- sowie nachbearbeiten, sonst kann man es sich auch schenken. Sich berieseln zu lassen hat nie Sinn. Dass einige Vorlesungen als “ganz schlecht” bezeichnet werden rührt auch da her. Natürlich gibts es aber auch noch genügend schlechte Vorlesungen. Man muss halt selektieren.

  5. Johannes on said:

    Ich bin zufällig auf ihren Kommentar gestoßen und muss sagen, dass mir die meisten der Aussagen von Herrn H. ebenso falsch erscheinen wie die von ihnen erstellte Replik. Während Herr H. offensichtlich einen komplett gegen das derzeitige Studium gerichteten Lernweg vorschlägt, verteidigen Sie – zumindest verstehe ich das so – den klassischen Uni-Weg. Ich denke, dass der Königsweg in der Mitte liegt. Wer zu sehr fallorientiert arbeitet, wird es schwer haben, die Grundlagen herauszuarbeiten. An diesem Punkt halte ich auch das Vorgehen der Repetitorien für äußerst problematisch. Umgekehrt stimme ich Herrn H. nahezu uneingeschränkt zu, was das Lesen von juristischen Lehrbüchern angeht. Um ihren polemischen Stil aufzunehmen: in die “Katastrophe” mündet allzu häufig eher das Verlieren in Lehrbuchdetails. Ich würde den Studenten empfehlen, Lehrbücher als Nachschlagewerke zu sehen, mit denen an bestimmten Stellen die Vorlesung vertieft werden kann. Zu allen einschlägigen juristischen Gebieten Lehrbücher durchzuarbeiten, erscheint mir geradezu abstrus. Jura ist nunmal keine Wissenschaft wie Physik, Biologie oder auch Philosophie. Jura ist menschgemachte Zweckmäßigkeit, insofern kann der Erkenntnisgewinn durch das Lesen von Lehrbüchern niemals besonders erhellend sein.
    Studenten sollten nach dem Grundsatz “weniger ist mehr” verfahren. Wichtig ist, in jedem Gebiet die Grundlagen und wichtige Standardprobleme zu beherrschen. Ausgehend von diesem Schatz kann man dann gezielt Probleme vertiefen, wenn sie einem wichtig oder interessant erscheinen. Ich weiß nicht, wie das in den anderen Bundesländern ist, aber im bayrischen Examen kommt es in keinster Weise auf Lehrbuchwissen an. Da die Examensfälle nahezu immer auf Fällen der Rechtsprechung basieren, hilft es da eher (ohne dass es aber darauf ankommt!), die Rechtsprechung ein wenig im Auge zu behalten.
    Zum Schluss ein Beispiel zur Verdeutlichung: vor nicht allzu langer Zeit kam im ersten Examen der Doc Morris II-Fall dran. Wer die Rechtsprechung hierzu kannte, hatte große Vorteile. Ansonsten war der Fall mit reinem Grundlagenwissen etwa zu den Grundfreiheiten sehr gut zu lösen. Lehrbuchwissen war an keiner Stelle relevant.

  6. Fabian on said:

    Man muss hier vorsichtig sein und nicht die Begriffe “Lehrbuch” und “Lernbuch” verwechseln. Ein klassisches Lehrbuch wie z.B: von Medicus muss in meinen Augen nicht durchgearbeitet werden. Anders bei Lernbüchern wie die von Rolf Schmidt oder Skripte. Diese sollte man neben der Falllösung anwenden. Man kann nicht alles am Fall lernen, dann man sonst ähnlich gelagerte Probleme nicht erfassen kann.

  7. Johannes on said:

    Wenn man diese Unterscheidung machen möchte, dann ergänze ich meine Ausführungen dahin, dass ich auch das Durcharbeiten von Lernbüchern nicht für zielführend halte.
    Dass man am Fall nicht alles lernen kann, entspricht – wie dargelegt – genau meiner Meinung.

  8. Slaven on said:

    Das Thema ist viel zu komplex, um es mit ein paar Sätzen abzuhandeln. Und dies gilt für beide Seiten, die beide viel zu extrem und einseitig argumentieren.

    Meinen persönlichen Erfahrungen zufolge liegt die Replik aber deutlich weiter neben der Sache als die Ausgangsthesen… Die negativen Aspekte der Universitäten sind durchaus treffend beschrieben worden. Lediglich so manche Schlussfolgerung kann ich nicht unterstützen.

    Aber ich muss von mir sagen: Mich hat das Rep ausgebildet (und das ganz gut) und nicht die Uni. Und ja: Man konnte auch zu meiner Zeit schon “strategisch” Wahlfächer wählen und es hat funktioniert. Das liegt aber nicht so sehr an den Fächern, sondern vielmehr an den jeweiligen Prüfern.

    Und auch im zweiten Examen wurde uns zu von den AG-Leitern (!) zu bestimmten Wahlfächern geraten. Ein Prüfer selbst (!) hat die Thesen des Ausgangsbeitrages bestätigt: Er ist froh, wenn überhaupt mal jemand Lust auf sein Fach hat…

    Der Ausgangsbeitrag zieht falsche Folgerungen (natürlich sollte man Lehrbücher und Lernbücher durcharbeiten), die Replik hängt einer zu romantischen Vorstellung des optimalen Studiums hinterher, die einfach keine landläufige Realität ist.

    Ein Fehler machen beide: Nur “lesen” bringt keinem was. “Durcharbeiten” ist mehr als bloß lesen (und dabei einschlafen).

  9. Johannes on said:

    Der letzte Satz von Slaven trifft genau den entscheidenden Punkt: es genügt eben nicht, ein Fachbuch zu lesen – man muss es vielmehr durcharbeiten, den Inhalt geistig aufnehmen und verstehen. Jeder Vergleich mit einem normalen Buch (Belletristik) verbietet sich insoweit. Um also ein Fachbuch durchzuarbeiten benötigt man Textmarker und parallele Gesetzeslektüre. Zudem muss das Buch eher drei- als zweimal durchgearbeitet werden, da Lernen insbesondere Wiederholen bedeutet. Wirtschaftlich betrachtet erscheint mir das ineffizient, da es weder im Examen noch in der Praxis auf auswendig-gelernte Detailkenntnis ankommt. Außerhalb der Praxis hat man alle Möglichkeiten, Probleme dann nachzuschlagen, wenn sie virulent werden.
    Die gesparte Zeit als Student sollte man nutzen, um mal über den Tellerrand zu schauen und vielleicht mal ein Buch von Stephen Hawking zu lesen oder sich mit einem Buch zur Finanzkrise zu beschäftigen. Das bringt für die Persönlichkeitsbildung wesentlich mehr!

  10. Tondinho_ on said:

    Woher sollen die hier mehrfach erwähnten “Grundlagen” kommen, wenn nicht aus Lehrbüchern?

    Und was die Vorlesungen angeht, stimme ich meinen Vorrednern zu. Ich habe beispielsweise Schuldrecht BT zu Hause im Selbststudium (mit einem Lehrbuch) gelernt, weil der Prof in der Vorlesung ausschließlich Kaufrecht behandelt hat. Änlich verhielt es sich mit Verwaltungsrecht AT. Das ging mir in der Vorlesung zum Teil nicht schnell genug und teilweise zu schnell. Im Selbststudium kann man nach seinem eigenen Tempo arbeiten und gewisse Dinge eher vertiefen und wiederholen.

  11. Slaven on said:

    Das Lehrbuch allein hängt ohne Fall aber auch “in der Luft”. Die Kombination ist entscheidend.

    • Tibor Schober on said:

      Stimmt, in dem “klassischen Lehrbuch” sind jedoch Fälle zur Verdeutlichung eingearbeitet. Nur die Lösung von AG-Fällen allein kann nicht genügen.

      • Slaven on said:

        Aber diese empfand ich durchweg als viel zu kurz und simpel. Man kann kleinere Probleme sicher in solchen “Fällchen” darstellen. Aber ich persönlich fand es dann später zunächst schwierig, diese in “großen” Fällen zu erkennen bzw. die Theorie an der richtigen Stelle zu verorten. Das lernt man m.E. schlussendlich nur an größeren Fällen, die dann auch mehrere Probleme miteinander verknüpfen. Es hat mir jedenfalls wenig gebracht, losgelöst voneinander viele Fällchen zu verstehen. Wo die Verbindungen liegen und wie sich dies (in Theorie und Praxis!) dann auswirkt, versteht man m.E. nur an umfassenderen Fällen.

        • Tibor Schober on said:

          Aber man sollte dennoch nicht “große Fälle” mit der Praxis verwechseln, oder?

          • Slaven on said:

            Ist halt eine Definitionsfrage. ;-)

            Das erste Examen ist im Grunde völlige Theorie und hat mit der Praxis überhaupt nichts zu tun. Im zweiten geht es dann schon mehr RIchtung Praxis, aber auch dort ist man vom “wahren Leben” ein großes Stück entfernt.

  12. Ein sehr interessantes Thema! Und eine tolle Diskussion. Ich teile die Auffassung des “goldenen Mittelwegs” und möchte auch kurz erläutern warum: Ein Studium ganz ohne Wissenschaftsbezug kann es meiner Ansicht nach nicht sein. Ich denke, dass ein Jurist den Hintergrund dessen, was er tut genau kennen sollte.
    Der Praxisbezug im Studium kommt m.E. jedoch tatsächlich deutlich zu kurz. Und hier muss ich Kollege H. Recht geben. Bereits häufig hatte ich in der Praxis den Fall, dass ein frischgebackener Jurist zwar hervorragende Studienergebnisse vorweisen konnte, in der Praxis jedoch sehr große Probleme gezeigt hat, Gelerntes umzusetzen. Das gibt dann doch auch zu denken…

    @Herr Schober: Ich danke Ihnen, dass Sie dieses interessante Thema aufgegriffen und zur Diskussion gestellt haben. Ich möchte mir jedoch auch erlauben, Ihnen zu Ihrem Beitrag eine Rückmeldung zu geben. Sie schreiben
    “Nein Herr Kollege H., dieser “Ratgeber” hat nicht das Prädikat “empfehlenswert” verdient!” und “Nur in wenigen Punkten ist dem Autor zuzustimmen.”
    Hier fehlt mir deutlich der Einwurf “meines Erachtens”. Herr H. hat durchaus das Recht, seine Eindrücke und Ratschläge zum Ablauf des Jurastudiums kundzutun. Ebenso, wie Sie, lieber Herr Schober. Ihre Ausführungen sind zwar interessant – aber nach meinem Geschmack(!) viel zu emotional und süffisant abgefasst. [EDIT: vgl. mein Kommentar vom 28.11.] Dabei wird eines vergessen: Von einem Juristen wird Sachlichkeit erwartet. Und das darf von einem Lehrbauftragten meiner Ansicht nach gerne vorgelebt werden.
    Selbst wenn man Ihnen in einigen Punkten eigentlich Recht geben will – Ton und Wortwahl stimmen in dem Beitrag m.E. nicht. – Mit Betonung auf m.E. ;-)

    • Tibor Schober on said:

      Habe die besagte Formulierung, die tatsächlich “zu scharf” war im Beitrag und in diesem Kommentar entfernt. Beleidigen wollte ich den Kollegen H. nicht. Das der Beitrag nur meine Meinung ist (m.E.) wird m.E. (sic!) doch deutlich genug.

    • Tondinho_ on said:

      Dann hat den Juristen, die es nicht vermochten gelerntes in die Praxis umzusetzen, mE der wissenschaftliche Unterbau gefehlt. Ich bin fest davon überzeugt, dass ein methodisch geschulter Jurist jeden Fall, wenn auch mit etwas Einarbeitung in die Materie, überzeugend lösen kann.

  13. Ich wollte mit meinem Ratgeber eigentlich gar nicht so viele böse Worte und Ansichten hervorrufen. Grundsätzlich ging es mir darum, den Jurastudenten das Leid zu ersparen, das ich selbst im Jurastudium erfahren musste.

    Ich habe vor dem ersten Examen den Fehler gemacht, mich zu sehr auf Theorie einzulassen. Dann saß ich – theoriebeladen – im ersten Staatsexamen und merkte, dass mir die Fallösungspraxis fehlt. Erst im Referendariat machte ich die Erfahrung, dass das reine Lösen von Fällen viel effektiver ist. Ich dachte es ist sinnvoll, diese Erfahrung den jetzigen Studenten mitzuteilen. Dieser Ratgeber war nur gut gemeint und sollte niemanden beleidigen o.ä.

    Ein solcher Text wie hier kann einen schon sehr traurig machen. Vielleicht wäre es besser gewesen, zunächst mit mir den Kontakt zu suchen, als mich öffentlich als Vollidioten darzustellen.

    • Ludwig Zimmermann on said:

      Hallo Kollege H.: So sind sie die Juristen machen aus dem gut gemeinten Rat gleich eine Staatsaktion. Fälle üben ist doch das wichtigste, wenn man ein erfolgreiches Examen machen will und anschließend eine gute bezahlte Stelle antreten will. Der Aufwand steht in der Regel nicht im Verhältnis zum erzielbaren Erfolg, weil die Arbeitsstellen für Juristen immer weniger werden. War früher kein Behördenleiter oder Bankchef ohne Juraexamen, werden heute Betriebs-, Volks und andere Wirte bevorzugt, weil der Jurist das unternehmerische Denken behindert. Nur in den Bereichen wo es auch für die “Reichen” vor Gericht teuer wird, sind Juristen noch gefragt und ganz unten beim Prekariat. Die gegenseiitge Demontage trägt wesentlich dazu bei, dass die Juristen weiter auf dem absteigenden Ast sind oder hat jemand einen deutschen Juristen für eine Gebührenerhöhung demonstrieren sehen. Bei den Ärzten, die weit höhere Durschnittseinkünfte als Juristen haben, ist so eine Einkommensdemo keine Frage.

  14. Tibor Schober on said:

    Hallo Herr Kollege H.,

    entschuldigen Sie bitte. Ich wollte Sie in keinem Fall “als Idioten darstellen”. Das war nicht meine Absicht. Wie Sie den Kommentaren hier entnehmen, stehe ich in den Augen der anderen mit meiner Ansicht auch nicht ganz richtig dar. Ich gebe zu, manches ist etwas polemisch formuliert, aber eine Beleidigung war nicht meine Intention. Es ist durchaus richtig, dass Falllösungen wichtig sind. Aber diese sind doch m.E. nicht ein Allheilmittel. Insoweit Sie also zu drastischen Maßnahmen rufen (keine Lehrbücher, keine Vorlesung, 6 Jahre studieren, 2x ins Rep), fühlte ich mich auch genötigt (im untechnischen Sinne) zu replizieren. Ich gehe konform mit den Kommentatoren, dass die ein oder andere Formulierung ggf. zu scharf war und werde hier nachbessern. In der Sache bleibe ich jedoch dabei: Das Studium sollte etwas wissenschaftliches behalten. Da sind natürlich auch die Prüfungsämter gefordert, welche immer öfter aktuelle Rspr zum Anlaß nehmen und vom Studenten eine Lösung in 5h erwarten, für welche 5 Berufsrichter wochenlang beraten haben. Das kann auch nicht Sinn und Zweck sein. Aber ohne jeden theoretischen Unterbau (kein Lehrbuch, keine Vorlesung, nur AG, nur Fälle) verkommt ein solches Studium zu einer art “unteren Fachausbildung”. Das kann nicht Ziel sein. Es soll nun nicht jeder Student gleich zum Wissenschaftler werden (dafür soll man Promotionsstudent sein), aber der universitäre Anstrich sollte sich nicht nur auf einem Abschlusszeugnis wiederfinden.

    Sollten Sie sich – jenseits der Sache – persönlich angegriffen gefühlt haben, bitte ich hiermit öffentlich um Entschuldigung.

    Mit besten Grüßen

    Tibor Schober

    • Grundsätzlich freue ich mich natürlich über Kritik und Anregungen zu meinen Ratgebern. Wenn man einen Text im Internet veröffentlicht, dann weiß man nie, welche Reaktionen er bei anderen hervorruft. Daher ist es immer gut, eine Rückmeldung zu erhalten, um die eigene Position überdenken zu können. Leider kommt es nur selten zu solchen Rückmeldungen, so dass man nie weiß, ob der eigene Text gut oder schlecht ist.

      Ich habe Ihre Anmerkungen als Anlass dazu genommen, zu Beginn des Ratgebers einen Hinweis anzubringen. Es ist natürlich wichtig, dass man sofort sieht, dass hier nur die Einzelmeinung des Autors wiedergegeben wird. Außerdem werde ich über Weihnachten mir etwas Zeit nehmen und den Ratgeber überarbeiten. Schließlich will ich damit eine Hilfestellung geben, und den Studenten nicht auf einen Irrweg führen. Es ist mir einfach nur wichtig, dass sich der Student nicht in der Theorie verliert, sondern am Ende das Examen erfolgreich meistert.

      • Lieber Herr H.,

        bitte lassen Sie sich von diesem Beitrag nicht entmutigen. Ich habe einige Ihrer Ratgeber gelesen und finde sie sehr gelungen! Dass Herr Schober als Lehrbauftragter andere Erfahrungen und Eindrücke mitbringt zu diesem speziellen Thema als Sie (als Praktiker) ist nur natürlich und auch sehr interessant.
        Die Frage ist, wie(!) man sich im Internet dazu äußert. Wobei Herr Schober sich hier ja bereits sehr einsichtig zeigt :-)
        Die Weiten des Internets haben eben leider nicht nur Vorteile, wie man an diesem Beispiel schön sieht. Ich hoffe jedoch, dass Sie weiterhin hinter Ihren Texten stehen – Ihr Schreibstil gefällt mir persönlich sehr gut!

  15. Ludwig Zimmermann on said:

    Ein Streit um des Kaisers Bart, denn ein erfolgreiches Jurastudium und nicht zwingend ein erfolgreiches Examen, hängt davon ab wie, häufig man die Lösung von Fällen übt und dabei die juristischen Methoden anwendet. Bei der Vorbereitung hilft das “abstrakte” Lehrbuch und auch die Fallübung. Wichtig erscheint mir auch,dass der Student von Anfang an lernt, dass der Jurist in der Regel autoritäts- und nicht argumentationsgläubig ist. Dadurch wird der durch das gesetz eng gesteckt Rahmen in dem der Jurist sein Denken entfalten kann unnütz eingeschränkt. Mein Tipp: Lernt flöhlich, fleissig und denkt nicht ans Examen und die Noten. Der Erfolg ist dann sicher. Wer ans Geldverdienen denkt, sollte besser Fernsehmoderator oder Investmentbanker werden.

  16. Hildegard on said:

    Ich würde nicht zu einem Anwalt wollen, der sich damit brüstet, keine Bücher zu lesen. Nichtmal in einem xxxrechtsgebiet wie dem “Verbraucherrecht”.

    • as140 on said:

      Wer redet denn von “keine Bücher lesen”? Juristische Werke eignen sich einfach besser zum Nachschlagen von Problemfeldern als zum Durcharbeiten des gesamten Inhalts.

  17. Markus on said:

    Es lässt sich nicht abstreiten, dass der Lehrstoff an der Universität mit der eigentlichen Examensprüfung nur wenig Kongruenz aufweist. An der Universität wird Wissen vermittelt, im Examen wird jedoch in erster Linie eine Fähigkeit abgeprüft. In einer idealen Welt kombiniert die Ausbildung beide Faktoren. Wir leben aber leider nicht in einer idealen Welt, sondern in einer Welt der begrenzten Ressourcen (Zeit). Deshalb stellt sich die Frage, wo ein Student die Schwerpunkte setzen sollte. Der Erwerb einer Fall-Lösungstechnik, also der Erwerb einer praktischen Fähigkeit, sollte im Vordergrund stehen. Wer viel weiß, dieses Wissen aber nicht bei der Fall-Lösung umsetzen kann, fällt durch. Wer wenig Spezialwissen hat, aber Fälle anhand der Systematik des BGB lösen kann, besteht zumindest mal. Ist man insoweit einigermaßen auf der sicheren Seite, dann kann man zur Dekoration auch noch eine Kirsche auf die Torte packen und insoweit die Kollegen aus dem Elfenbeinturm mit ein paar Theorienstreitigkeiten beglücken.

    Im Übrigen sollte man Literaturmeinungen nicht überbewerten. Ihre Bedeutung nimmt drastisch ab, wenn man das Universitätsgelände verlassen hat. In der Praxis steuert man durch das Vertreten von Mindermeinungen direkt auf einen Haftungsfall zu, deshalb verwundert es doch sehr, wieso in der Ausbildung soviel Wert darauf gelegt wird.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>