Doktoranden in der Rechtswissenschaft: Unbetreut ins Plagiatselend?

Bei argloser Durchsicht des iFQ-Working Paper No.13 mit den Ergebnissen aus dem Profile-Promovierendenpanel (Download hier als PDF möglich) lernt der überraschte Leser auf Seite 82 (Abbildung 24), dass Juristen auf dem Weg zur Doktorwürde von ihren Betreuern offenbar in rekordverdächtigem Ausmaß vernachlässigt werden. Das mögen einige prä-bologna-sozialisierte Akademiker als angenehm empfinden, romantisierend von humboldtscher “Wissenschaft in Einsamkeit und Freiheit” schwärmen oder gar in Erinnerungen an die helmholtzsche Rektorats-Antrittsrede schwelgen.

Die …jurabilis!-Redaktion aber ist zutiefst besorgt: wie sollen die jungen Doktoranden, die bekanntlich keinerlei Zugang zu Lehrbüchern oder sonstigen Hilfestellungen haben, da überhaupt noch das notwendige Handwerkszeug wissenschaftlichen Arbeitens aufsammeln können? Wie sollen diese verlorenen Seelen des beinharten Akademiebetriebes auch nur ein rudimentäres Bewusstsein um die unverzichtbaren Grundregeln erwerben, ohne deren Beachtung das Unternehmen Wissenschaft von vorneherein zum Scheitern verurteilt ist?

Nun mögen die weniger kulturpessimistisch Veranlagten an dieser Stelle beschwichtigend abwinken und Grundfertigkeiten wie den fairen Umgang mit fremden Texten und Gedanken optimistisch zum unverzichtbaren Kanon selbst des oberflächlichsten Schmalspurstudiums zählen. Doch sei jenen naiven Zeitgenossen dringend die ernüchternde Lektüre des bereits bei …jurabilis! gemeldeten und nun endlich veröffentlichten Urteils des VG Freiburg vom 23.5.2012, 1 K 58/12) in der Causa “Veronica S.” (in Münchens Gesellschaft sicher besser bekannt als Vroni St., Namensgeberin des Vroniplag-Wikis) ans Herz gelegt.

Ausweislich des Urteilstatbestands (Tz. 16) argumentierte die Klägerin, die sich gegen den Entzug ihres Doktorgrades wehrt, in der Widerspruchsbegründung wie folgt:

Die rückwirkende Entziehung des Doktorgrades sei außerdem ermessensfehlerhaft. Der Erstkorrektor habe die ihm obliegende Betreuungspflicht eklatant verletzt. Als Folge der unterbliebenen Betreuung habe die Beklagte selbst die entscheidende Ursache dafür gesetzt, dass ihre Dissertation die jetzt erstmals behaupteten Mängel aufweise. Die Verletzung der Betreuungsverpflichtung sei bei der Ermessenausübung nicht in Rechnung gestellt worden. Es verstoße gegen den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz, trotz dieser eigenen Pflichtverletzung den Doktorgrad rückwirkend zu entziehen.

In der Klagebegründung (Tz. 18) vertiefte sie später diesen Vorwurf:

Die Ermessensentscheidung sei rechtswidrig, weil die Verletzung der Betreuungspflichten hierbei völlig unberücksichtigt geblieben sei. Die wenigen E-Mails, die zwischen ihr und dem Betreuer ausgetauscht worden seien, und die einmalige Besprechung, die sich auf der Ebene von Allgemeinplätzen bewegt habe, entsprächen den Anforderungen an eine Betreuung offenkundig nicht. Eine verantwortungsvolle Durchsicht des zugeleiteten Entwurfs der Dissertation hätte Fragen zu erkennbar nicht belegten Tatsachenmitteilungen aufwerfen müssen. Das sei jedoch nicht geschehen. Der Zweck der Betreuungsverpflichtung bestehe auch darin, die handwerkliche Ordnungsgemäßheit der Dissertation sicher zu stellen und dem Doktoranden bei dem erfolgreichen Abschluss der Arbeit zu helfen. […] Es begegne deshalb größten Bedenken, dass ihr Betreuer mindestens 10 weitere Doktoranden gleichzeitig wissenschaftlich betreut habe. Hätte sich der Betreuer gesetzesentsprechend um die Dissertation bemüht, wäre ihm zwangsläufig aufgefallen, dass Fremdtexte übernommen worden seien. Diese Bearbeitungstechnik der Klägerin hätte rechtzeitig korrigiert werden können, so dass die Promotion insgesamt nicht in Frage gestellt worden wäre.

Ob der gewissenlose Doktorvater noch ruhig schlafen kann ob so viel himmelschreiender Pflichtvergessenheit?

Nachtrag:

Klaus Graf liest in meinen Beitrag hinein, dass ich Doktoranden jeglichen Anspruch auf Betreuung versagen wolle. Diese Interpretation kann ich nicht recht nachvollziehen.

7 comments on “Doktoranden in der Rechtswissenschaft: Unbetreut ins Plagiatselend?

  1. Erbloggtes on said:

    Es entspricht zwar meiner Intuition, dass sich Vroni auf die Vernachlässigung durch den Betreuer nicht berufen kann. Fußnoten hätte sie auch ganz ohne Betreuer machen können müssen. Schließlich würde sie sich auch nicht darauf berufen können, dass sie mit den benutzten Wörtern andere Bedeutungen gemeint habe als die Plagiierten, und dass daher trotz wörtlicher Übernahmen keine inhaltliche Übernahme vorläge. Das wäre ähnlich absurd.

    Andererseits darf man den Betreuer gern mal nach seinem Anteil und seinem sanften Ruhekissen fragen. Promotionsverfahren sind ja idealerweise nicht nur so konstruiert, dass der Doktorand nicht betrügen will und die Grundsätze des wissenschaftlichen Arbeitens auch beherrscht, sondern auch so, dass der Betreuer wissenschaftliches Fehlverhalten des Doktoranden erkennen und nicht durchgehen lassen soll. Wofür ist er denn Professor, wenn er wissenschaftliches Fehlverhalten im eigenen Hause nicht erkennen kann?

  2. Plaqueiator on said:

    Natürlich trifft den Doktorvater Schuld. Er hätte Frau S. niemals zur Promotion annehmen dürfen. Sie brachte mit solchen Defiziten nicht die notwendige Eignung mit. Frau S. hätte mit diesem defizitären Rüstzeug nicht einmal die Examina bestehen dürfen.

  3. Zum Nachtrag: Die fehlende Nachvollziehbarkeit sei, so dachte ich, das hervorstechende Merkmal der Tiraden des Autors?

    • Twitterer on said:

      Naja. Ich bin über Twitter auf seinen Archivalia-Beitrag aufmerksam geworden und ich verstehe schon, dass er Betreuung für wichtig hält.

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