Wackerbarth und die “Großkanzleilyrik”

Nach scharfer Kritik an einem Aufsatz zur Reform der Aktionärsklage (Rechtsanwalt Dr. Tobias Kahnert, AG 2013, 663 ff., zum Autor vgl. dieses sympathische Porträt) wird Professor Dr. Ulrich Wackerbarth (Fernuni Hagen) in einem Beitrag im “Corporate BLawG” grundsätzlich und lässt die Leser unmissverständlich wissen, was er von Rechtsanwälten aus Großkanzlei hält, die an der rechtswissenschaftlichen Debatte teilnehmen:

So oder so ähnlich sieht ein typischer interessegeleiteter Aufsatz aus, der von Rechtsanwälten aus Großkanzleien geschrieben wird. Dabei handelt sich in aller Regel um eine bloße – auch noch schlecht begründete – Meinungsäußerung, mit der der status quo gesichert werden soll. Ein Bemühen um Abwägung, um Auseinandersetzung mit abweichenden Auffassungen findet nicht statt; dafür enthält eine solche Stellungnahme manch unhaltbare Behauptung, Nebelkerzen oder gar widersprüchliche Ergebnisse. Diese Beiträge sind zwar für die Suche nach Erkenntnis wertlos, werden gleichwohl von der Rechtsprechung zitiert und bleiben damit keinesfalls einflusslos. Gerade im Bereich des Gesellschaftsrechts sind sie Legion und machen Meinung.

Wie nun umgehen mit diesen derart wertlosen Debattenbeiträgen aus unberufener Feder?

Als Gesetzgeber sollte man Großkanzleilyrik bei anstehenden Reformen aus den folgenden drei Gründen am besten vollständig außer Acht lassen:

– Wir sind gespannt! –

a) Rechtsanwälten aus Großkanzleien fehlt jedes Interesse an rechtssicherem Recht. Sie suchen zwar für ihre Mandanten nach einer wasserdichten Lösung im Einzelfall. Rechtssicheres Recht hingegen führte nur zu weniger Streit und damit zu weniger Umsatz. Und welcher Rechtsanwalt wollte das schon?

Das erscheint mir eine reichlich naive Sicht auf den Rechtsberatungsmarkt zu sein. Ist Deutschland gegenwärtig ein Hort der allüberall grassierenden Rechtsunsicherheit, die den Großkanzleien die Umsätze in die Arme treibt?

b) Reformen sind mit Rechtsanwälten aus Großkanzleien allenfalls in kleinen Häppchen zu machen. Sie kennen das geltende Recht wie ihre Westentasche und haben eine Menge Lebenszeit investiert, um es so zu beherrschen wie sie es tun. Reformen gefährden diese Investition und sind daher stets besorgniserregend.

Was ist mit der Gegenthese, dass gesetzgeberische Reformen häufig Beratungsbedarf auslösen, der sich auch einleuchtend kommunizieren lässt?

Schließlich:

c) Rechtsanwälte aus Großkanzleien beraten in aller Regel nicht Anleger sondern Unternehmen. Deshalb reden sie auch in erster Linie mit den Geschäftsleitern und Organen dieser Unternehmen und neigen dazu, die Sicht der Manager besser zu verstehen als die der Anleger. Und damit sind ihre rechtspolitischen Vorschläge in aller Regel nicht unabhängig und damit unbrauchbar.

Schon die Grundannahme irritiert. Davon abgesehen: Reformvorschläge von Anlegerschutzanwälten wären demnach “unabhängig” und damit nicht “unbrauchbar”?

Was meint die Leserschaft zu diesen meinungsfreudigen Thesen?

17 comments on “Wackerbarth und die “Großkanzleilyrik”

  1. Mr Facepalm on said:

    Was für eine arme Seele. Auf was für Ideen man in der Pampa so alles kommt…

    • Parabellum on said:

      Der Autor des besprochenen Artikels? Ach, da hab ich kein großes Mitleid, wie man so liest, zahlt Hengeler ganz gut, so dass sich das Leben in München verschmerzen lässt…

  2. Tondinho_ on said:

    Zu c) lässt sich einwenden, dass Professoren als reine Theoretiker die Sicht eines Anlegers ebenfalls nicht kennen. Nicht nur das: sie kennen die Rechtspraxis oftmals gar nicht. Ist also eher ein Schuss ins eigene Knie.

  3. Parabellum on said:

    Die offensichtlich interessegeleitete Praktikerliteratur ist aber tatsächlich eine Pest. Aber allseitig. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen: Baurecht, Vergaberecht: Weitgehend zwischen Auftraggeber- und Auftragnehmerlager gespalten. Arbeitsrecht genauso.

    Insofern ist Wackerbarths Kritik zuzustimmen, jedoch nicht seinen rechtspolitischen Implikationen. Denn natürlich handelt es sich dennoch um legitime Interessen und Positionen.

    • Alexander Hartmann on said:

      Man sollte sich zum Vergleich mal die arbeitsrechtliche Literatur anschauen. Dort sieht man, dass auch die Lehrstuhlinhaber nur an das große Ganze denken!

  4. Die pauschale Verdammung der Großkanzleianwälte als ernstzunehmende Teilnehmer an der wissenschaftlichen Diskussion ist natürlich genauso falsch wie, sagen wir, die pauschale Verdammung beifahrender Ehefrauen als Zeuginnen im Verkehrsunfallprozess. Richtig ist vielmehr, dass der Beweiswert der jeweiligen Aussage (hier wie dort) in freier Beweiswürdigung unter Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalls zu ermitteln ist.

    Auch dabei braucht man sich aber nicht über die Maßen lebensfremd anzustellen, und mehr wird vermutlich selbst Herr Wackerbarth – gewisse blogtypische Überspitzungen einmal herausgerechnet – nicht gemeint haben. S. in diesem Sinne übrigens bereits die berühmte (und etwas zu Unrecht in Misskredit geratene) “Eisenbahnentscheidung” RGZ 1, 247: “Die Verkümmerung des Reichshaftpflichtgesetzes liegt in dem Sonderinteresse von Kreisen, welchen bedeutende materielle Mittel und thätige Organe zur Verfügung stehen. Die dadurch erzeugte … Strömung hat sich eines Teiles der mit der Auslegung jenes Gesetzes sich befassenden Litteratur bemächtigt, deren Ausführungen nicht ohne Einfluß auf die Urteile einzelner Gerichte geblieben sind.” Also alles ein alter Hut.

  5. Meinungen von Richtern und Professoren zu Großkanzleien sind vollkommen wertlos und haben bei der Betrachtung von Großkanzleien und ihren Anwälten aus drei Gründen außer Betracht zu bleiben:

    a) Richter und Professoren haben in ihrem gesamten Leben noch nie im wirtschaftlichen Wettbewerb bestanden. Ihnen fehlt es an jeglicher Sachkenntnis zu den darauf gründenden Fragen.

    b) Richter und Professoren verfügen über eine eingeschränkte Perspektive, da ihnen die Interessenwahrnehmung fremd ist. Ihnen ist daher nicht klar, das Anwälte allein den Interessen ihrer Mandanten verpflichtet sind. Dies gründet sich nicht zu letzt auf wirtschaftlichen Überlegungen (die vorgenannte nicht verstehen, siehe a)).

    c) Richter und Professoren haben vielfach bessere Examensnoten. Sie neigen daher der Auffassung zu, diese Noten sagten etwas über die Qualifikation als Jurist aus. Folglich sehen sie sich daher als besser qualifiziert an gegenüber den Anwälten. Entsprechend ist das Verhältnis zu Anwälten, die anständig verdienen, oft von Neid und darauf gründender Misgunst gefärbt. Ihre Meinungsäußerungen in dieser Richtung sind daher stets subjektiv gefärbt und somit unbrauchbar.

    In Erwartung einer Replik
    ckd

  6. @ ckd: Gerade Ihr Punkt b. spricht etwas sehr Wichtiges an, und ich vermute, Herr Wackerbarth wird Ihnen da aus vollem Herzen zustimmen (weil es nämlich das, was er sagen möchte, wunderschön auf den Punkt bringt). In der Tat, man muss es menschlich verstehen und billigen, dass Großkanzleianwälte in der steten Sorge um die Ernährung ihrer Familien – dazu auch Ihr Punkt a. – das Lied derjenigen singen, deren Brot sie essen. Also gar kein moralischer Vorwurf whatsoever. Nur eben der Beweiswert … (s. Beifahrer).

    • Relativ kurz gedacht. Beispiel: Wenn der Anwalt in eine Richtung veröffentlicht, wird ihm das beim nächsten Mal, wenn er die Gegenposition vertritt, entgegen gehalten werden. Anderes Beispiel: Ein Fall bringt einen Anwalt über die Grenze des von Rechtsprechung und Wissenschafft beackerten Feldes hinaus. Das passiert mir jeden zweiten Monat. Was macht der Anwalt? Er wird selbst wissenschaftlich tätig. Das hat er schließlich studiert. Natürlich in die richtige Richtung. Dabei muss er sich mit den Argumenten der Gegenseite auseinandersetzen, die genauso vorgeht. Wenn das Ergenis gut vertretbar ist ohne sich angreifbar zu machen, wird er diese wissenschaftliche Arbeit einer Zweitverwertung zuführen, nämlich der Werbung und Reputationsbildung. Also veröffentlichen.

      • @ ckd: Sie werden aber einräumen, dass der Fall, dass ein Großkanzleianwalt immer mal wieder “die Gegenposition vertritt”, in den Rechtsgebieten, über die wir hier reden, schon wegen § 43a IV BRAO so arg häufig nicht ist. Sie werden zudem sicher auch einräumen, dass man so gut wie nie Aufsätze liest, in den ein Großkanzleianwalt eine wissenschaftliche Auffassung vertritt, die den Interessen der Großmandanten seiner Kanzlei zuwiderläuft. Das sollte doch reichen, um Herrn Wackerbarth im Prinzip recht zu geben.

        • Noch eine Ergänzung @ ckd: Sie schreiben: “Was macht der Anwalt? Er wird selbst wissenschaftlich tätig. … Natürlich in die richtige Richtung.”

          Vielleicht ist das schon das entscheidende Missverständnis. Nur in die von einem Dritten vorgegebene Richtung tätig zu werden, ist nämlich definitiv gerade nicht “wissenschaftlich”.

          • John Doe on said:

            Warum? So lange am Ende “beide Richtungen” bedient wurden (die “Gegenseite” schreibt ja auch Aufsätze) wird deutlich, wie man ein gewünschtes Ergebnis mit dem althergebrachten juristischen Handwerkszeug erreicht werden kann. Und wenn sich “handwerklich” beide Seiten vertreten ließen, kann man sich als zur Entscheidung Berufener (Gericht oder Politik) jener Strömung anschließen, die am besten mit dem Bauchgefühl zusammenpasst.
            Denn mal ehrlich: Das ist es doch, was am Ende entscheidet. Auch wenn ein super ausgeklügeltes und dogmatisch durchdachtes Ergebnis gegen eben das verstößt, was wir “Bauchgefühl” oder “gesunden Menschenverstand” nennen, wird das Ergebnis eben doch noch zulasten der Dogmatik über den Haufen geworfen. Anders wäre m.E. die Existenz von Einbruchstellen zur Korrektur, wie bspw. § 242 BGB, nicht zu erklären.

            Da finde ich das Case Law viel ehrlicher, anstatt unter dem Deckmantel der ach so tollen Dogmatik zu einem Ergebnis zu gelangen – aber hey – nur, so lange es sich mit dem Bauchgefühl deckt, weil sonst findet man ja wieder einen Weg, es doch anders zu machen.

  7. Tilman on said:

    Auch Professoren sind nicht unabhängig. Um vorwärts zu kommen, muss man ja etwas anderes als die bislang geäußerten Meinungen vertreten, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Und am besten tut man das, in dem man was besonders neues und geistreiches vertritt und die anderen entweder der fehlenden Objektiviät oder der fehlenden fachlichen Qualifikation beschuldigt. Mich hat das schon an der Uni gelangweilt und tut es weiterhin. Ich habe Herrn Wackerbarth einmal live auf einer Veranstaltung zu Telekom III beim ILF in Frankfurt erlebt, und fand ihn nicht überzeugend, weder fachlich (nicht stringent), persönlich (er ist persönlich beleidigt, wenn seine Meinung nicht Zustimmung findet – noch so eine Professorenkrankheit) noch in anderen Dingen (seine Frau sollte sich aus meiner Sicht einmal unbedingt seiner Garderobe annehmen…). Und schließlich machen Professoren mit Gutachten für große Konzerne ode Anwaltskanzleien auch gerne mal eine schnelle Mark und vertreten dort ohne mit der Wimper zu zucken ihre Positionen und geben Handlungsempfehlungen, ohne sich einen Kehricht um andere Aufassungen zu kümmern. Herr Wackerbarth muss einfach ein bisschen gelassener werden oder simpel ausgedrückt: sich einfach mal locker machen.

  8. @ Tilman: Darüber, wer hier worauf beleidigt reagiert hat, kann man offenbar sehr unterschiedlicher Meinung sein.

    Richtig ist aber, dass Aufsätze von Professoren, denen ein bezahltes Gutachten zugrunde liegt, denselben Einwänden unterliegen (weshalb es ja auch üblich ist, diese Form der Befangenheit in der ersten Fußnote offenzulegen). So häufig ist das aber nun auch wieder nicht.

  9. Samuel on said:

    In conclusio sollten Großkanzleianwälte garnicht mehr in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlichen dürfen, hingegen nur noch jene aus Theorie, Justiz und kleineren Kanzleien. Für Großkanzleijuristen beiben ja noch blogs und newsletter zur Meinungskundgabe.

  10. Wissenschaftlerin on said:

    Entscheidend ist, dass der Großkanzleianwalt in einer Sternchenfußnote offenlegt, dass er ebensolcher ist. Dann kann sich der Leser selbst ein Urteil bilden – diese Fähigkeit hat er ja studiert….

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