Bachelor of Laws (LL.B. „en passant“) jetzt auch in Potsdam

Nun ist es also soweit – die Juristische Fakultät der Universität Potsdam hat den im Zuge der unseligen Schließungsdebatte (…jurabilis! berichtete mehrfach, siehe etwa hier und hier) verfestigten Plan zur Einführung eines LL.B.-Grades umgesetzt. Eine eigene Informationsseite führt dazu aus:

Zum Wintersemester 2013 / 2014 ist es möglich, den grundständigen Studiengang Rechtswissenschaft (Erste juristische Prüfung) mit einem integrierten Bachelorstudiengang zu beginnen. Dieser allgemeinbildende juristische Bachelorstudiengang wird mit dem Abschluss Bachelor of Laws (LL. B.) beendet.

I. Warum ein LL. B.?
Die klassische Juristenausbildung zum Volljuristen zielt vor allem auf die „Befähigung zum Richteramt“ und auf den Anwaltsberuf ab, obwohl das nicht alle Jurastudentinnen und Jurastudenten anstreben. Auch Wirtschaft und Industrie verlangen nach gut ausgebildeten Juristen, die sich früh in der Praxis betätigen und spezialisieren wollen. Bereits nach dem 6. Semester kann mit dem LL. B. nun ein erster berufsqualifizierender Abschluss erfolgen. Die Weiterqualifikation ist im klassischen Staatsexamensstudiengang oder durch einen Masterstudiengang/Magisterstudiengang, der zum Master of Laws/Magister Legum führt, im In- oder Ausland möglich. Der Weg zum klassischen Volljuristen steht den Studierenden nach der 1. Juristischen Prüfung und dem Referendariat offen. Man kann in Potsdam also wie bisher allein die 1. Juristische Prüfung anstreben, diese mit einem LL.B.-Abschluss kombinieren und nach Erreichen des LL.B. die Universität verlassen bzw. einen Masterabschluss anschließen. Das Motto ist nicht „entweder – oder“, sondern „sowohl – als auch“!

Mit einem solchen Modell hat man ja an der Bucerius Law School in Hamburg offenbar sehr gute Erfahrungen gemacht.

P.S.: Aufgemerkt bei der Studienplanung, liebe Studenten:

Wer die 1. Juristische Prüfung endgültig nicht bestanden hat, kann den LL. B. an der Uni Potsdam nicht erwerben. Wer nach dem Erwerb des LL. B. die Erste juristische Prüfung endgültig nicht bestanden hat, behält den LL. B.

Rückmeldegebühren für Semester WS 1996/97 bis WS 2004/05 werden allen Berliner Studenten erstattet

Drei Monate brauchte der Berliner Senat, bis er die Senatsbeschlüsse aus Karlsruhe verdaut hatte. Am 28.11.2012 gab es schon die Pressemitteilung aus Karlsruhe

Mit einem Beschluss vom 6. November 2012 hat der Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichts entschieden, dass die gesetzliche Regelung für die Erhebung einer Rückmeldegebühr in Höhe von 100 DM im Berliner Hochschulgesetz alter Fassung verfassungswidrig ist. Die für nichtig erklärte Bestimmung wurde mit dem Haushaltsstrukturgesetz 1996 eingeführt. Seit dem 15. Dezember 2004 gilt eine veränderte
Gebührenregelung, auf die sich die vorliegende Entscheidung nicht
bezieht. […]

Nun berichtet der Berliner Tagesspiegel

[…] Tausende ehemalige Studierende der Berliner Hochschulen können Rückmeldegebühren zurückbekommen, die sie 1996 bis 2004 gezahlt haben. Dafür hat jetzt Staatssekretär Knut Nevermann aus der Wissenschaftsverwaltung grünes Licht gegeben. Er sei „nach eingehender Prüfung der Rechtslage“ zu dem Ergebnis gekommen, dass allen Studierenden der betreffenden Jahre eine Rückerstattung zusteht, schreibt Nevermann an die Hochschulleitungen. […]

„eingehende Prüfung der Rechtslage“ steht also für „Beschlüsse aus Karlsruhe lesen“!?

Also ehemalige Studenten aus Berlin: Schreibt Erstattungsanträge, entsprechende Vorlagen werden auch schon online von den AStA’n zum download feilgeboten: HU, TU und FU.

Doktoranden in der Rechtswissenschaft: Unbetreut ins Plagiatselend?

Bei argloser Durchsicht des iFQ-Working Paper No.13 mit den Ergebnissen aus dem Profile-Promovierendenpanel (Download hier als PDF möglich) lernt der überraschte Leser auf Seite 82 (Abbildung 24), dass Juristen auf dem Weg zur Doktorwürde von ihren Betreuern offenbar in rekordverdächtigem Ausmaß vernachlässigt werden. Das mögen einige prä-bologna-sozialisierte Akademiker als angenehm empfinden, romantisierend von humboldtscher „Wissenschaft in Einsamkeit und Freiheit“ schwärmen oder gar in Erinnerungen an die helmholtzsche Rektorats-Antrittsrede schwelgen.

Die …jurabilis!-Redaktion aber ist zutiefst besorgt: wie sollen die jungen Doktoranden, die bekanntlich keinerlei Zugang zu Lehrbüchern oder sonstigen Hilfestellungen haben, da überhaupt noch das notwendige Handwerkszeug wissenschaftlichen Arbeitens aufsammeln können? Wie sollen diese verlorenen Seelen des beinharten Akademiebetriebes auch nur ein rudimentäres Bewusstsein um die unverzichtbaren Grundregeln erwerben, ohne deren Beachtung das Unternehmen Wissenschaft von vorneherein zum Scheitern verurteilt ist?

Nun mögen die weniger kulturpessimistisch Veranlagten an dieser Stelle beschwichtigend abwinken und Grundfertigkeiten wie den fairen Umgang mit fremden Texten und Gedanken optimistisch zum unverzichtbaren Kanon selbst des oberflächlichsten Schmalspurstudiums zählen. Doch sei jenen naiven Zeitgenossen dringend die ernüchternde Lektüre des bereits bei …jurabilis! gemeldeten und nun endlich veröffentlichten Urteils des VG Freiburg vom 23.5.2012, 1 K 58/12) in der Causa „Veronica S.“ (in Münchens Gesellschaft sicher besser bekannt als Vroni St., Namensgeberin des Vroniplag-Wikis) ans Herz gelegt.

Ausweislich des Urteilstatbestands (Tz. 16) argumentierte die Klägerin, die sich gegen den Entzug ihres Doktorgrades wehrt, in der Widerspruchsbegründung wie folgt:

Die rückwirkende Entziehung des Doktorgrades sei außerdem ermessensfehlerhaft. Der Erstkorrektor habe die ihm obliegende Betreuungspflicht eklatant verletzt. Als Folge der unterbliebenen Betreuung habe die Beklagte selbst die entscheidende Ursache dafür gesetzt, dass ihre Dissertation die jetzt erstmals behaupteten Mängel aufweise. Die Verletzung der Betreuungsverpflichtung sei bei der Ermessenausübung nicht in Rechnung gestellt worden. Es verstoße gegen den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz, trotz dieser eigenen Pflichtverletzung den Doktorgrad rückwirkend zu entziehen.

In der Klagebegründung (Tz. 18) vertiefte sie später diesen Vorwurf:

Die Ermessensentscheidung sei rechtswidrig, weil die Verletzung der Betreuungspflichten hierbei völlig unberücksichtigt geblieben sei. Die wenigen E-Mails, die zwischen ihr und dem Betreuer ausgetauscht worden seien, und die einmalige Besprechung, die sich auf der Ebene von Allgemeinplätzen bewegt habe, entsprächen den Anforderungen an eine Betreuung offenkundig nicht. Eine verantwortungsvolle Durchsicht des zugeleiteten Entwurfs der Dissertation hätte Fragen zu erkennbar nicht belegten Tatsachenmitteilungen aufwerfen müssen. Das sei jedoch nicht geschehen. Der Zweck der Betreuungsverpflichtung bestehe auch darin, die handwerkliche Ordnungsgemäßheit der Dissertation sicher zu stellen und dem Doktoranden bei dem erfolgreichen Abschluss der Arbeit zu helfen. […] Es begegne deshalb größten Bedenken, dass ihr Betreuer mindestens 10 weitere Doktoranden gleichzeitig wissenschaftlich betreut habe. Hätte sich der Betreuer gesetzesentsprechend um die Dissertation bemüht, wäre ihm zwangsläufig aufgefallen, dass Fremdtexte übernommen worden seien. Diese Bearbeitungstechnik der Klägerin hätte rechtzeitig korrigiert werden können, so dass die Promotion insgesamt nicht in Frage gestellt worden wäre.

Ob der gewissenlose Doktorvater noch ruhig schlafen kann ob so viel himmelschreiender Pflichtvergessenheit?

Nachtrag:

Klaus Graf liest in meinen Beitrag hinein, dass ich Doktoranden jeglichen Anspruch auf Betreuung versagen wolle. Diese Interpretation kann ich nicht recht nachvollziehen.

Lösungstechnik für den Aktenvortrag und Klausuren im zweiten Examen

Ich hatte im April diesen Jahres einen Beitrag zu meinen Lösungstechniken im zweiten Examen verfasst, der zwischenzeitlich etwas schwer aufzufinden war, weshalb ich einige Emails mit der Bitte erhalten habe, den Beitrag zu verlinken. Dieser Bitte komme ich gerne nach. Der Beitrag befindet sich hier und ich füge ihn unten noch einmal ein. Unser Archiv ist nun wieder vollständig über obigen Link oder direkt unter http://www.jurabilis.de/archiv erreichbar.

Während des Refs habe ich viele Skripte und Bücher gelesen, die sich mit den Inhalten für das zweite Examen befassen. Keines dieser Werke enthielt aber eine Anleitung für das konkrete Herangehen an Klausuren und Aktenvorträge. In diesem Beitrag möchte ich die für mich effektivste Herangehensweise im Zivilrecht vorstellen und hoffe, dass es ein paar Leuten hilft, die noch nicht ganz genau wissen, wie sie „die PS auf die Straße bekommen“. Mein Stil erhebt keinen Anspruch auf Perfektion. Er passte aber für mich und vielleicht auch für andere. Ich hielt meinen Aktenvortrag im Zivilrecht, so dass sich meine Taktik für den Aktenvortrag nicht wesentlich von meinem Lösungsstil für zivilrechtliche Klausuren unterscheidet. Wer im ÖRecht oder StrR vorträgt, muss schauen, ob er/sie es vielleicht anders machen muss.

Ich beantworte Rückfragen zu diesem Beitrag gerne. Bitte postet Eure Fragen als Kommentar. Bei Bedarf kann ich meine Herangehensweise in den anderen Rechtsgebieten auch vorstellen. Größere Unterschiede gibt es aber nur im Strafrecht. ÖRecht lief wie das Zivilrecht. Mein größtes Problem war immer die Zeit. Ich habe sehr viele Klausuren geschrieben und habe (mit anderen Referendaren) den Eindruck gehabt, dass die Klausuren von Jahr zu Jahr umfangreicher (teilweise auch inhaltlich anspruchsvoller) wurden. Insbesondere im Strafrecht ist aus meiner Sicht die Grenze des in 5 Stunden Machbaren lange erreicht und überschritten. Dieses Problem wird von Korrektoren nicht ausreichend gewürdigt. Wer sich bei 4 Personen und 5 Tatkomplexen darüber aufregt, dass in meiner Anklage eines der zwölf Beweismittel fehlt, ich die subsidiäre Unterschlagung mit einem Satz ablehne oder den Doppelnamen der Beschuldigten abkürze, ist einfach zu weit weg von der Ausbildung.

Ich würde mich freuen, wenn das mal irgendwann gesehen wird. Aus meiner Sicht werden diese Fehlentwicklungen viel zu häufig mit der Ausrede abgetan, dass „da ja alle durch mussten“ oder „es Teil der Ausbildung sei“. Mit diesem Argument könnte man auch nach jeder Klausur einen Würfelzwang mit Auswirkung auf die Note einführen und sagen, dass es Teil der Ausbildung ist und jeder Würfeln muss.

1. Taktik für Zivilrechtsklausuren

Häufige Probleme: Viele Parteien; komplizierte Konstellation; viele Zeitangaben; knappe Bearbeitungszeit.

a) Grundsätzliches

Für mich war es wichtig, eine Routine zu finden. Daher waren die nachfolgenden Schritte immer gleich und ich empfehle, diese auch so durchzuhalten.

– Ein komplett leeres Blatt zur Hand nehmen (nachfolgend: „Übersichtsblatt“), dann als erstes den Bearbeitervermerk lesen (so banal das klingt, im Examen habe ich tatsächlich mal 15min für einen komplizierten Kosten-/Vollstreckungstenor gebraucht und von Kollegen später erfahren, dass der erlassen war. Sowas muss nicht sein und macht keinen guten Eindruck). Links oben auf dem Übersichtsblatt werden dann eingetragen: Entscheidungs-/Bearbeitungszeitpunkt als Datum (z.B. 12.4.2012); erlassene Teile (z.B. keine Kosten/Vollstreckung); Parteien (z.B. „Kl: Herr X / Bekl: A GmbH aus DDF“) und sonstige Bearbeiterhinweise (z.B. „Klageentwurf durch das Gericht weitergeleitet“ (= fehlende Zustellung)). Das Übersichtsblatt wird in drei einigermaßen gleichmäßige Spalten geteilt.

– Dann wurde innerhalb von wenigen Sekunden der gesamte Sachverhalt überflogen und nach Datumsangaben „gescannt“, damit ich die relevante Zeitspanne im Blick hatte. Hierbei habe ich nichts gelesen, sondern wirklich nur nach Daten geschaut.

– Sachverhalt lesen. Mehrfaches Lesen hat zuviel Zeit gekostet, daher musste alles beim ersten Lesen sitzen. Hierbei habe ich mir abgewöhnt, irgendwas zu unterstreichen oder zu markieren, weil das nur Zeit kostete und mich gedanklich auf bestimmte (im Nachhinein vielleicht weniger wichtige) Bereiche fixierte. In der dritten Spalte (ganz rechts) wurde während des ersten Lesens die Zeittabelle abgetragen (z.B. „03.01.2011: KV Auto / 04.02.2011: Anzeige Mangel Auto“). Wenn man die Zeitspanne überflogen hat, kann man zu den „Ballungszeiten“ etwas Platz zwischen den einzelnen Einträgen lassen, um im Nachhinein zwischen den Einträgen Dinge einfügen zu können, die erst später im Sachverhalt erwähnt werden.

– Beim Lesen sieht man häufig schon viele Probleme. Die habe ich in der linken Spalte des Übersichtsblatts abgetragen (z.B. „Teilerledigung“, „Zuständigkeit Gericht“, „Präklusion“ etc.), um nichts zu vergessen.

– In der dritten Spalte des Übersichtsblatts wurde schließlich das Vorbringen der Parteien mit Seitenangabe in Stichworten abgetragen. Daher musste ich nichts mehr markieren. Klägervorbringen erhielt einen Pfeil nach rechts, Beklagtenvortrag einen nach links (z.B. „–> Auto nie bekommen (S.2) / <-- Auto erhalten (S.4)"). Hierdurch hatte ich auch immer alle Argumente der Parteien übersichtlich vor Augen. - In komplizierten Situationen habe ich mir ganz rechts oben auf dem Blatt noch eine Skizze mit den Parteien und ihren Beziehungen gemacht. Aus meiner Sicht brauchte aber nicht jeder Fall so eine Skizze. - Für das Lesen und das Erstellen dieses Übersichtsblatts habe ich etwa 25min gebraucht. Dieses Vorgehen diszipliniert für zügiges Arbeiten und führt einem alle Probleme der Klausur vor Augen. - Auf einem neuen Blatt habe ich dann meine Lösungsskizze gemacht (Zulässigkeit / Begründetheit). Für die gesamte Lösungsskizze (inkl. Lesen im Kommentar!) habe ich mir eine Deadline von 35min gesetzt. Diese durfte einmalig (!) um weitere 10min überschritten werden, wenn ich absolut keine Ahnung von dem Fall hatte. Mehr als 45min für die Skizze durften in der Vorbereitung nicht sein. Obwohl ich im Examen "relativ locker" war, haben sich diese Zeiten ein wenig nach hinten verschoben, weil der Ernstfall dann doch etwas ernster war als man es üben konnte. Grundsätzlich war es so, dass ich im Zivilrecht nie länger als 1,5 Stunden brauchen durfte, um mit der Niederschrift anzufangen, weil ich sonst nicht fertig geworden wäre. Es ist sehr wichtig, sich das zu vergegenwärtigen und es für sich richtig einschätzen zu können. - Die Lösungsskizze enthielt nur (!) Stichpunkte. Schwerpunkte der Klausur habe ich mir schon dort markiert. Allgemeine Sachen, die anzusprechen waren, erhielten einen Stern. Wichtigere Sachen zwei und die wichtigsten Themen drei Sterne. Hiernach gliederte sich auch meine Argumentationstiefe. Drei-Sterne-Probleme erhielten höchstens 3-4 Argumente. Zwei-Sterne Probleme 1-2 Argumente. Ein-Sterne Probleme 1 Argument (wenn überhaupt). b) Niederschrift

– In Gerichtsklausuren habe ich an dieser Stelle immer das Rubrum ohne Tenor verfasst. Für den Tenor habe ich stets eine neue Seite genommen, weil der sich am Ende vielleicht doch noch kurzfristig änderte und ich die Seite einfach rauswerfen konnte.

– Viele wissen nicht genau, ob sie Tatbestand oder Urteisgründe zuerst verfassen sollen. Ich habe mehrfach beide Varianten versucht und mich am Ende dafür entschieden, mit dem Tatbestand anzufangen. Das hatte viele Gründe. Der (in der Regel genervte) Korrektor liest die Klausur von vorne nach hinten. Er freut sich über eine schöne Schrift und einen chronologischen Aufbau. Zudem habe ich dadurch die „Carpaccio-Falle“ vermieden. Egal für welche Variante man sich entscheidet: Die Entscheidung wird bitte lange vor dem Examen getroffen und nie wieder in Zweifel gezogen! Im Examen fängt man nicht plötzlich an, alles anders zu machen.

– Nach der Niederschrift wird der Tenor verfasst. Dann noch die Seiten nummerieren und e voilá hat einem die Aufsicht schon das Ende verkündet. Ich durfte in der Regel noch „Ende der Bearbeitung“ beim Abgeben unter die Arbeit setzen, weil ich dazu sonst nicht mehr kam.

– Anwaltsklausuren habe ich auf dieselbe Art gelöst, so dass ich hier auf keine Besonderheiten hinweisen muss.

2. Taktik für den Zivilrechtsaktenvortrag

Häufige Probleme: wie oben. Zusätzlich: Mündliche Darstellung in knapper Zeit.

Der Kurzvortrag hat so langsam nichts mehr mit „kurz“ zutun. 11 Seiten Sachverhalt, Beweiswürdigung, prozessuale Probleme, unpassende Rechtsgebiete (z.B. Mietrecht mit Unmengen an entscheidungsrelevanter Flächenberechnung). Hier muss man wirklich viel üben.

– Das Übersichtsblatt erstellen (s.o.). Hierbei habe ich mich ein wenig eingeschränkt. Die Zeittafel war wie in den Klausuren. In der linken Spalte habe ich nur noch Probleme notiert und im Falle eines streitigen Vortrages mit Pfeilen („–>“ bzw. „<--") für mich festgehalten, von wem der Vortrag kam. Das Übersichtsblatt stand (inkl. dem Lesen des Sachverhaltes) i.d.R. binnen 8 Minuten. Im Examen habe ich aber ca. 10min gebraucht. - Für meinen Aktenvortrag war mir nach einigem Üben bewusst, dass ich (in einem einigermaßen normalen Tempo) nicht mehr als 3 Seiten Lösung vortragen kann. Meine Notizen waren stichpunktartig und ich habe nie vollständige Sätze ausformuliert. Es hat mir aber geholfen, wenn jeder Stichpunkt mit den Worten losging, die ich auch aussprechen wollte (z.B. "Hierauf kommt es nicht an, weil...Präklusion, §§ 4, 7 KSchG" etc.). Dadurch konnte ich einen ruhigen und geschlossen wirkenden Vortragsstil beibehalten und trotzdem frei erzählen. - Es kam beim Üben (beim Examen dann allerdings nicht) immer mal vor, dass ich beim Vortragen Fehler gefunden habe, die ich im Reden ausbügeln musste. Ich habe häufig gedacht, dass das den Zuhörern stets negativ auffallen wird. Das war allerdings fast nie der Fall. Daher empfehle ich auch für einen solchen Notfall die Nerven zu bewahren. - Für das Lesen im Kommentar hatte ich eine Höchstgrenze von 8-10 Minuten. Was länger gedauert hat, war (für mich) nicht mehr präsentierbar. Im Examen habe ich gar nicht im Kommentar lesen müssen und wurde 1 Minuten vor dem Reinrufen fertig. - Ich empfehle, den Tenor bzw. den Antrag in jedem Fall auszuformulieren. Den habe ich auch vollständig abgelesen, was mir niemand übel nahm. - Abschließend sei erwähnt, dass der Vortrag mit der Tonalität, dem Tempo und der Gelassenheit des Vortragens steht und fällt. Selbst schlechte Vorträge profitieren davon. Das kriegt man aber nur durch viel Übung auf die Reihe!

Ratgeber Jurastudium von RA H. (Berlin) – Wie man es nicht machen sollte!

Nachtrag vom 3. Januar 2013: Herr Rechtsanwalt H. hat mich nunmehr darauf aufmerksam gemacht, dass der Ratgeber gelöscht wurde. Die weiteren Ausführungen sind deshalb unter der Maßgabe zu lesen, dass Herr H. an den Ausführungen selbst nicht mehr festhält. Ich habe deshalb seinen Namen aus dem Blogpost entfernt.

 

Herr Rechtsanwalt H. (Berlin) hat auf seiner eigenen Internetseite einige „Ratgeber“ publiziert. Darunter auch den folgenden:

Das Jurastudium
Wie studiere ich Jura? Ein Ratgeber zum Jurastudium für Studenten der Rechtswissenschaften

Als Lehrbeauftragter der juristischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin horche ich bei solchen Beiträgen natürlich auf. Um ein Ergebnis vorweg zu nehmen: Nein Herr Kollege H., dieser „Ratgeber“ hat nicht das Prädikat „empfehlenswert“ verdient! Er ist in weiten Teilen sogar gefährlich, weil der Autor im Grundtenor dem Studium jede Wissenschaftlichkeit austreiben will. Studenten sollen zu Falllösungsmaschinen werden und so ihr Examen meistern. Nur in wenigen Punkten ist dem Autor zuzustimmen.

Meine Anmerkungen erfolgen auch gerade in Kenntnis des Studiums und der Anforderungen an heutige Studenten, aber auch in Angst um den Verlust des letzten Funken Wissenschaftlichkeit des Studiums aus purer Examensfixiertheit (vgl. nur die Beiträge auf …jurabilis! hier und hier).

Zu Beginn versucht der Autor die Schwierigkeit des Studiums plastisch zu machen:

Gerade zu Beginn des Jurastudiums fühlt sich der neu eingestiegene Jurastudent von der übermäßig hohen Stofffülle geradezu erschlagen. […] Jeder Professor empfiehlt für sein Fachgebiet mehrere Lehrbücher, in der Regel ein oder zwei sehr umfangreiche Werke, und ein paar mit geringerer Seitenanzahl. […] Jedes einzelne Jura-Fachbuch kann dabei einen Umfang von 500 bis 700 Seiten haben, […]. Doch auch die kleineren Einstiegsbücher bzw. Grundlagenwerke haben bereist einen Seitenumfang von ca. 300 Seiten. […] Nun beginnt das Problem, das den Jurastudenten bis an sein Studiumsende begleiten wird: Der kaum zu bewältigende Stoffumfang. Betrachten wir einmal, welches Wissen sich der Student bis zum Ende seines Jurastudiums aneignen sollte: Ich habe in Bayern studiert, und hier mussten bis zum ersten Staatsexamen ca. 30 Rechtsgebiete gelernt und beherrscht werden. Kauft man nun zu jedem einzelnen Rechtsgebiet ein umfangreiches Standardwerk mit beispielsweise 500 Seiten, so wären alleine durch das Bücherstudium 15.000 Seiten zu bewältigen. Selbst bei einer Beschränkung auf die kleineren Grundlagenbücher mit 300 Seiten käme man immer noch auf 9.000 Seiten.
Dabei ist ein einmaliges Lesen nicht ausreichend, um den Stoff zu verinnerlichen. Ein immer wiederkehrendes Lesen und Lernen wäre notwendig, um diese Seitenzahlen in seinem Kopf zu verankern. Und das in acht Semestern, falls die Entscheidung für eine frühzeitige Examensteilnahme gefallen ist (Stichwort: „Freischuss“). Zu all diesen Buchseiten kommen die Vorlesungen hinzu, die Fallübungen, die juristischen Hausarbeiten, Praktika etc. Schon hier wird deutlich, dass diese Vorgehensweise als schwierig erscheint.

Die 30 Rechtsgebiete habe ich nun nicht im Detail überprüft. Die Seitenzahlen je Buch sind zwar schon richtig, allerdings wohl nicht entscheidungserheblich (gleich mehr). Aber selbst die These des Autors, wonach 15.000 Seiten beängstigend sind, ist wohl etwas übertrieben (ganz davon abgesehen, dass Studenten in anderen Staaten ein viel höheres Lesepensum haben). Nehmen wir einfach den angegebenen Stoff für 6 Semester (bei einem Jahr Wiederholung vor dem Examen): Also ca. 5.000 Seiten pro Jahr bzw. bei etwas Urlaub, Hausarbeiten und Praktika wohl ca. 500 Seiten im Monat bzw. ca. 100-150 Seiten in der Woche. Skandal! Das ist ja unglaublich, da soll der gemeine Jurastudent also 20-30 Seiten am Tag lesen? Wenn das schon zuviel sein soll? Ich finde den Umfang (reine Seitenzahl) eher noch zu kurz gegriffen. Man sollte nicht vergessen, dass das juristische Studium nun einmal ein geisteswissenschaftliches Studium ist und „Texte“ (i.w.S.) der Dreh- und Angelpunkt des Studiums sind. 20-30 Seiten eines Romans liest man in einer Stunde „runter“. Bei einem Lehrbuch mag man vielleicht 2-3 Stunden veranschlagen (wenn nebenbei im Gesetz blättert).

Weiter gehts:

[…] Das juristische Examen ist so angelegt, dass das gesamte im Jurastudium erworbene Wissen bis zum Staatsexamen präsent sein muss. Das heißt, der Jurastudent muss alles, was er in den vier Jahren seines Studiums an Wissen erworben hat, im Examen abrufbereit im Kopf haben. Es finden keine Zwischenprüfungen statt, nach deren Bestehen der Jurastudent das dort geäußerte Wissen einfach vergessen darf […]. Nein, er muss alles dauerhaft abspeichern und immer wieder wiedergeben können. Sonst hat er im Staatsexamen verloren. Aus diesem Grund erscheint es sinnvoll, die im Jurastudium abgehandelten einzelnen Rechtsgebiete kurz vor dem juristischen Examen noch einmal zu wiederholen. Doch wie soll man so viel Jura wiederholen können? Gönnt man sich für jedes einzelne Rechtsgebiet eine Woche zur Wiederholung, so kommt man bei 30 Rechtsgebieten auf eine Wochenanzahl von 30 Wochen. Alleine diese Wiederholungszeit würde schon beinahe sieben Monate in Anspruch nehmen.

Ja, das ist richtig. Eine „Abschichtung“ bringt jedoch nun der Schwerpunkt. Hier kann man immerhin 30% (Notengewichtung) in der Regel im 5.-6. Semester lernen, abprüfen lassen und vergessen (so man dies als wichtig empfindet!!!). Aber was ist an einer Wiederholung von 30 Wochen nun falsch? Ob mit oder ohne Rep: Man bekommt/erstellt einen Lehrplan, gewichtet ggf. zu wiederholende oder neu zu erlernden Gebiete nach eigenen Kenntnisse und Lücken und hat dann ca. 6 Monate nur für Wiederholung des Stoffes aus den ersten Semestern.

Nun kann mir jeder Jurastudent beipflichten, dass eine einzige Woche für viele Rechtsgebiete als Wiederholungszeit nicht ausreicht. Sinnvoller wären zwei bis drei Wochen Wiederholungszeit je Fachgebiet. Besser ist ein ganzer Monat. Dann wären wir bei einer Wiederholungszeit zwischen 14 und 30 Monaten.

Nein, da kann ich nur ernsthaft widersprechen! [EDIT: vgl. mein Kommentar vom 28.11.] Wenn man es in den ersten 6 Semestern geschafft hat jeden Tag seine 20-30 Seiten zu lesen (zum Pensum s.o.), an Arbeitsgemeinschaften/Übungen teilgenommen und auch Klausuren bestanden hat, dann reicht für eine reine Wiederholung ein halbes Jahr. Diese Ansicht des Autors wird deutlich, wenn man den folgenden Teil liest:

Worauf kommt es im juristischen Examen tatsächlich an?
[…] es müssen keine auswendig gelernten Lehrmeinungen niedergeschrieben werden, sondern es ist aktiv ein ganz konkreter Fall zu lösen. Alleine mit dem Gesetzbuch muss der Student den Examensfall lösen können. Auf theoretisches Wissen kommt es dabei nicht an. Innerhalb von fünf Stunden muss der Jurastudent versuchen, den ihm vorgelegten Sachverhalt zu analysieren und anhand des Gesetzes zu einer korrekten Lösung zu bringen.

Dabei können die tausende von Buchseiten, die sich in den juristischen Lehrbüchern finden, nicht helfen. Der Examenskandidat muss vielmehr wissen, wo die entscheidenden Stellen im Fall sind, und wie diese anhand des Gesetzestextes rechtlich zu behandeln sind.

Es zeigt sich, dass damit eine erhebliche Diskrepanz zwischen der im universitären Jurastudium empfohlenen Vorgehensweise (Lesen von Fachbüchern) und der Examensrealität (Lösen eines rechtlichen Falls) herrscht.

Und hier [EDIT: vgl. mein Kommentar vom 28.11.]  wird m.E. „Methodenlehre“ gleichgesetzt mit Gutachtenstil oder Subsumtionstechnik! Natürlich geht es bei der Lektüre von Lehrbüchern nicht um auswendig gelernte Lehrmeinungen! Es geht um Problembewusstsein und Systemverständnis. Das positive Gesetz ist zwingend unvollständig. Die Gesetze nach dem hiesigen Verständnis von Gewaltenteilung können und sollen nicht alle Kasuistik abbilden. Soweit auslegungsbedürftige Normen anzuwenden sind, ist es natürlich von entscheidender Wichtigkeit zu wissen, wie diese Norm verstanden wird. Das ist nicht nur in „exotischen“ Rechtsgebieten wie Steuer- oder Arbeitsrecht so. Nein, schon bei den Grundrechten oder dem Europarecht wird man mit dem reinen Normtext schnell an seine Grenzen stoßen.

Nehmen wir bspw. das „sonstige Recht“ nach § 823 Abs. 1 BGB. Hier kann man natürlich gern alle Konstellationen eines Kommentars auswendig lernen, bringt nur nicht viel. Es gibt hier auch keine vorgefertigten „Lehrmeinungen“. Vielmehr muss man ein Verständnis dafür entwickeln, welchen Platz die Norm im Gesamtgefüge einnimmt und welche Funktion sie haben soll. Dann kann man auch mit guten Argumenten die Anwendbarkeit auf neue Fälle bejahen/verneinen. Oder nehmen wir bspw. das „gefährliche Werkzeug“ nach § 224 Abs. 1 Nr. 2 StGB. Auch hier kann man gerne alles auswendig lernen und zumindest „der beschuhte Fuß“ oder die „Bordsteinkante“ bleiben dem Studenten im Gedächtnis. Aber darum geht es nicht. Vielmehr um den Sinn und Zweck hinter der Vorschrift. Mit Verständnis kann man dann auch aberwitzige Fälle lösen (bspw. den hier).

Der Autor mündet zielsicher in der Katastrophe, [EDIT: vgl. mein Kommentar vom 28.11.] wenn man nur diese Ansicht als einzig Richtig ansieht:

[…]Wie kann dieses Problem vermieden werden?
Verzicht auf Lehrbücher!

Mein wichtigster Rat an jeden jungen Jurastudenten ist der folgende: Verzichten Sie vollständig auf Lehrbücher! Es bringt Ihnen nichts. Sie können sich durch das Studium juristischer Lehrbücher weder auf das Juraexamen vorbereiten, noch auf Ihre Berufstätigkeit. Sowohl im Staatsexamen, als auch im Berufsleben als Jurist/Anwalt kommt es immer wieder darauf an, unbekannte neue Fälle schnell und effizient zu lösen.

In keiner Situation werden Sie jemals die Notwendigkeit vor sich sehen, theoretische Kenntnisse aus Fachbüchern wiedergeben zu müssen. Egal ob ein Prüfungsleiter im Examen vor Ihnen steht, Ihnen ein schriftlicher Examensfall vorliegt, oder ein Mandant von Ihnen rechtlich beraten werden möchte, sie müssen in all diesen Fällen immer den präsentierten Sachverhalt anhand des Gesetzes schnell und richtig lösen. Diese Fähigkeit erwirbt man durch das Lesen von juristischen Fachbüchern nicht.

Ach was? Keine Lehrbücher? Kein Verständnis? Nur „Gesetzesanwendung“? Wie will man so verständig mit neuen / geänderten Normen umgehen? Wie kann ich eine Norm aus dem Gesamtzusammenhang „richtig lösen“ ohne den Zusammenhang erkennen zu können? [EDIT: vgl. mein Kommentar vom 28.11.] „Theoretische Fachkenntnisse“ sind spätestens in der Begründetheit einer Klage in der auch um das Recht und nicht nur um den Sachverhalt gestritten wird von essentieller Bedeutung. Zwar könnte man versucht sein nach dem Grundsatz „da mihi factum, dabo tibi ius“ zu arbeiten. Aber will der Mandant wirklich alles vom Gericht erklärt bekommen und nicht vom Anwalt? Nein Herr Kollege, diese Ansicht ist m.E. schlicht falsch und für die Praxis völlig unverantwortlich!

Aber weiter:

Wie kann ohne Fachbücher eine Jurastudium bewältigt werden?
Der wichtigste Weg zu einem erfolgreichen Abschluss im Fach Rechtswissenschaften ist der, konsequent und von Anfang an Fälle zu lösen. […] Wenn Sie das Gesetz zu Beginn Ihres Studiums oder bei der Neubearbeitung eines Rechtsgebietes noch nicht so gut kennen, dann bleibt Ihnen zunächst nichts anderes übrig, als alle Normen, die für eine Lösung in Betracht kommen, zu lesen. Fehlen die notwendigen Kenntnisse, so sind Sie sogar dazu gezwungen, beinahe alle Paragraphen zu lesen, die irgendwie damit zu tun haben könnten. […] Aber genau dieses langsame und ausführliche lesen der einschlägigen Paragraphen führt dazu, dass Sie früher oder später auf eine Lösung kommen. Plötzlich sehen Sie, auf welche Weise der Ihnen vorliegende Sachverhalt anhand des Gesetzes bearbeitet werden kann. […]Sie nehmen sich einen Fall nach dem anderen vor, beispielsweise aus dem Kaufrecht. Zwar haben Sie neue Sachverhalte vor sich liegen, das Gesetz bleibt aber das gleiche. Sie lesen also immer und immer wieder das gleiche Gesetz, müssen daraus aber jeweils neue Lösungswege entwickeln.

Können Sie erkennen, worauf ich hinaus will? Der entscheidende Trick bei dieser Vorgehensweise ist der, dass Sie gezwungen sind das Gesetzbuch, das einzige, was Ihnen im Examen zu Seite steht, immer besser und besser kennenzulernen.[…]

Hätte der Autor etwas methodische Grundlagen gelernt, würde er einen Ansatz von „induktiver Methode“ erkennen. Das ist kein Trick! Die positive Norm aus allen Blickrichtungen verstehen zu wollen und auf ein gemeinsames Merkmal / Prinzip schließen ist induktives Arbeiten. Das mag eine Variante sein, aber diese allein (sic!) ist m.E. zu umständlich und fehleranfällig. Die Lektüre eines Lehrbuchs VOR der Fallbearbeitung liefert nämlich vertiefte Kenntnisse um auch „deduktiv“ arbeiten zu können: Vom allgemeinen Prinzip her den konkreten Sachverhalt lösen. Wer die allgemeinen Prinzipien des Schuld- und Sachenrechts versteht, der kann auch einen Kaufrechtsfall lösen. Ohne Kenntnisse der Prinzipien und Systematik endet jede Falllösung nur in einem „stochern im Nebel“ ohne Verstand, einfach in der Katastrophe. Wie will man bspw. allein aus den Normen des BGB das Zusammenspiel von BGB AT, allgemeinen Schuldrecht, besonderem Schuldrecht und ggf. Sachenrecht verstehen? Wie?

Damit nicht genug, der Autor gibt dann noch weitere praktische Weisheiten mit auf den Weg:

Soll ich den „Freischuss“ nach acht Semestern wagen, oder mich besser für eine längere Studiumszeit (zehn oder zwölf Semester) entscheiden

 

[…] Das Problem ist, dass das typische Jurastudium für einen sehr langen Zeitraum von zwölf Semestern ausgelegt ist. Das heißt, die Stoffmenge, die Sie bis zum ersten Staatsexamen beherrschen müssen, ist für einen Lernzeitraum von sechs Jahren ausgelegt. Meiner Erfahrung nach ist das korrekt. […]

Dennoch wählen viele Studenten den kurzen Weg von nur acht Semestern, um den zusätzlichen Versuch für das Absolvieren des ersten Staatsexamens wahrnehmen zu können („Freischuss“). In diesem Fall ist eine Stoffmenge von zwölf Semestern innerhalb von acht Semestern zu erlernen. Das ist möglich, bedeutet aber sehr viel Stress und ein ununterbrochenes vierjähriges Lernen.?

Sechs Jahre? Hilfe, nein! Das Studium ist auf vier Jahre angelegt und wenn man keinen Mist macht, ist es auch in dieser Zeit schaffbar (die Zahlen der Freischusskandidaten bezeugen dies). Wenn man natürlich nie ein Lehrbuch in die Hand nimmt (oder Vorlesungen besucht, s.u.), dann wird es schwierig. Wenn man dann noch zweimal ins kommerzielle Repetitorium geht (auch s.u.), dann wird es langsam verständlich. Das Studium ist aber so angelegt, das man die Grundlagen in den ersten fünf Semestern legen kann. Dann folgt ein Schwerpunktstudium und dann eine einjährige Examensvorbereitung. Verlängerungen sind individuelle Leistungsfrage, aber man sollte nicht die grundsätzliche Annahme in den Raum werfen, man benötige immer sechs Jahre (zwölf Semester!). Und nein, Freischuss bedeutet auch nicht ununterbrochenes Lernen! In den ersten drei bis vier Semestern beschränkt sich der Aufwand auf Universitätsaktivitäten (Vorlesungen, Übungen) und die besagten 30 Seiten Lehrbuch täglich. Dazu 1-2 Hausarbeiten p.a. und vor den Klausuren etwas Fallübung. In der ersten Studiumshälfte macht man sich wahrlich nicht kaputt!

Soll ich Vorlesungen besuchen? Welche Veranstaltungen im Jurastudium sind sinnvoll, und welche nicht?

 

[…] Ich bin der Ansicht, dass der Besuch von juristischen Vorlesungen reine Zeitverschwendung ist. Man erhält nicht die Informationen, die benötigt werden, sondern die, die der Professor von sich gibt. Der Vortrag des Dozenten ist meist reine Theorie, der Student benötigt jedoch Praxiswissen in Bezug auf das Lösen von Fällen. Meines Erachtens nach kann ein Jurastudent daher auf den Besuch von rechtswissenschaftlichen Vorlesungen verzichten! […]

Und so zieht sich die Auffassung es Autors wie ein roter Faden durch sein Programm. Klar wird dann auch, warum der Autor eine 6 jährige Studienzeit für notwendig erachtet:

Zusammenfassend möchte ich Ihnen die folgenden Ratschläge mit auf den Weg geben: Stellen Sie sich Ihren jeweiligen Semester-Vorlesungsplan so zusammen, dass er möglichst viele Veranstaltungen beinhaltet, die sich mit der Lösung von konkreten juristischen Fällen beschäftigen. Verzichten Sie auf Vorlesungen, die reine Theorie abhandeln. Belegen Sie die Veranstaltungen zur Falllösung mehrmals, und ziehen Sie solche vor, die eigentlich erst für das nächste Semester gedacht sind. Besuchen Sie wiederum die, die Sie bereits kennen, noch einmal. Sie werden überrascht sein, wie viel neues Sie dabei erfahren.

Ja, repetitio est mater studiorum! Das heißt doch aber nicht, dass man in Falllösungsübungen mehrmals gehen sollte. Insbesondere wenn man bedenkt, dass die Fälle von Jahr zu Jahr die gleichen bleiben, da sie didaktisch ausgesucht sind und nicht willkürlich wie Platten vom DJ aufgelegt werden.

Aber damit noch nicht genug „Examenstaktik“:

Welchen Schwerpunktbereich soll ich im Jurastudium wählen?

[…] Eines aber vorab: Der Anteil des Schwerpunktbereiches am gesamten Jurastudium ist so gering, dass dessen Einfluss wesentlich kleiner ist, als es die meisten Studenten für möglich halten. Sie werden sich im späteren Berufsleben innerhalb kürzester Zeit in die verschiedensten Rechtsbereiche einarbeiten können, selbst wenn diese Ihnen zunächst schwierig und schwer beherrschbar vorkommen. […]

Der gut gemeinte Ratschlag, der durch ständige Wiederholung nicht besser wird. Statt ein interessantes Studium zu absolvieren gleich das Examen einkalkulieren. Das Examen ist natürlich wichtig, aber nicht alleiniger Zweck. Die ersten vier Semester meines Studiums (zzgl. eines Erasmussemesters) hatte ich keine Ahnung, was dieses Examen bedeutet. Ich habe mich auch nicht darüber informiert und insoweit auch keinerlei Taktiküberlegungen angestellt. Es hat mir auch nicht geschadet.

Aus diesem Grund empfehle ich Ihnen, die Wahl auf einen Bereich zu setzen, der Ihnen im Examen mit geringem Aufwand eine hohe Punktzahl in der Klausur verspricht. Meines Erachtens nach ist das beispielsweise der Bereich der Rechtsgeschichte. […]

Tja, und nun liebe Leser, warum wird wohl Rechtsgeschichte empfohlen? Weil man die Geschichte des Rechts im Nationalsozialismus und der Teilung aus der Schule kennt? Weil man Judgment at Nuremberg schon im Spätprogramm gesehen hat? Weil man mit Asterix-Comics Grundlagen im römischen Recht gelegt hat? Warum?

Dieser Schwerpunktbereich stellt an den meisten juristischen Fakultäten eher ein Nischenfach dar, und wird nur von wenigen Studenten gewählt. Umso mehr freut sich der betreuende Professor, wenn ein Student dieses Fach als Wahlfach wählt.

Da fällt einem nichts mehr ein. Mit reinem „Interesse vorgaukeln“ soll man also in den Klausuren und Seminararbeiten gute Punkte einfahren? Wie will man eigentlich den Stoff ohne Lehrbuch und Vorlesung erarbeiten? Man sollte schon etwas Begeisterung für die Sache mitbringen: Nur die Note im Blick zu haben ist töricht. Woher weiß man, ob die anderen 15 Studenten die diesen Schwerpunkt wählen nicht wahrhaft begeistert sind durch ihr Latinum oder durch die Lektüre von Pandekten und Digesten? Nein, den Schwerpunkt sollte man eher nicht „examenstaktisch“ wählen, sondern rein nach Interesse. Nur wer Interesse an einer Sache hat, wird auch gut darin.

Für Studenten aus bayerischen Fakultäten gibt es noch einen anderen Tip:

Studieren Sie in Bayern, so müssen Sie im zweiten Staatsexamen das Steuerrecht beherrschen. […] Insofern kann es eine vernünftige Alternative sein, wenn Sie bereits im ersten Staatsexamen das Wahlfach „Steuerrecht“ bzw. den Schwerpunktbereich „Wirtschaft und Steuern“ wählen. Sie gewinnen dadurch frühzeitig eine wesentliche Erleichterung für das zweite Staatsexamen, da sie dann schon das entsprechende Grundlagenwissen im Steuerrecht mitbringen. […]

Zudem ist es im Steuerrecht gut machbar, bereits im ersten Staatsexamen eine zweistellige Klausurenpunktzahl zu erreichen. Es ist tatsächlich so, dass man alleine schon durch die Wahl des Faches Steuerrecht einen Bonus beim Korrektor erhält. […]

Planen Sie später einmal, sich als Rechtsanwalt selbständig zu machen, so können Ihnen Ihre im Studium erworbenen Kenntnisse im Steuerrecht dabei sehr gut behilflich sein. Bereits im Studium lernen Sie viel über die steuerrechtliche Gewinnermittlung eines Rechtsanwaltes, da diese Berufsgruppe verständlicherweise in zahlreichen Beispielfällen zur Illustration herangezogen wird. […]

Ja. Was soll man dazu sagen? Klar kann ich als Steuerrechtler jedem nur zum Schwerpunkt Steuerrecht raten. Allerdings nicht nach den obigen Entscheidungskriterien. Kuschelnoten werden nicht verschenkt (kann ich als Prüfer der mündlichen Prüfungen im Schwerpunkt der HU-Berlin bestätigen) und um praktisch anwendbares Steuerrecht im Anwaltsberuf geht es garantiert auch nicht. Das ist Augenwischerei!

Es folgt Ratschlag Nr. 5

Wie schreibe ich eine Hausarbeit in zehn Tagen?

und hier kann ich doch endlich auch in vielen Punkten zustimmen. Puuuhh…

[…] In einem ersten Schritt müssen Sie den Sachverhalt wie einen ganz normalen Fall lösen, nur mit Hilfe des Gesetzes. Stellen Sie sich einfach vor, dass es sich bei der Hausarbeit um einen Klausurfall handelt, den Sie jetzt innerhalb von ein paar Stunden lösen müssen. Verzichten Sie daher zunächst auf weiterführende Literatur und Kommentare, sondern erstellen Sie eine simple Lösungsskizze des Falls als Gliederung. […] In einem zweiten Schritt greifen Sie nun zu einem Kommentar, und lesen alle Kommentierungen zu den von Ihnen in der Lösungsskizze aufgeführten Paragraphen. […]

Soweit so gut. Genauso sollte man es auch machen um sich nicht zu verzetteln. Nur den folgenden Schritt

Nun suchen Sie die von Ihnen aufgefundenen Artikel zusammen und kopieren diese aus den gebundenen Ausgaben der Fachzeitschriften in Ihrer Bibliothek. Das Lesen der Fachartikel wird Ihnen die Augen öffnen: Plötzlich finden sich hier zahlreiche Stellen, die nahezu haargenau den Sachverhalt Ihrer Hausarbeit wiedergeben.

So einfach ist es nun auch nicht. Ok, vielleicht in der Anfängerhausarbeit, aber nicht mehr im Hauptstudium. Ich erinnere mich gern an meinen großen Schein im Zivilrecht, dort drehte sich alles um aktuelle OLG Rspr. zu der noch kein „Basta“ vom BGH vorlag. Da es recht aktuell war gab es auch nur 2-3 Aufsätze.

[…] Am Ende schließen Sie sich der herrschenden Meinung an, um in der Hausarbeit kein Risiko einzugehen. […] Am Ende liegt Ihnen eine Hausarbeit vor, die Ihnen mit großer Wahrscheinlichkeit eine zweistellige Punktzahl einbringen wird.

Das vage ich zu bezweifeln! Ohne kritische Würdigung kommt man ggf durch die Hausarbeit im Grundstudium, aber nicht nur das Hauptstudium und schon gar nicht durch ein Seminar!

Den Hinweis

Vermeiden sollten Sie auf jeden Fall das sinnlose und unstrukturierte Lesen in juristischen Schulungs- bzw. Lehrbüchern. Egal um welches Buch es sich handelt, das Lesen von Büchern hat bei der Erstellung einer Hausarbeit nichts verloren

lasse ich unkommentiert.

Es folgt Ratschlag Nr. 6

Ist es empfehlenswert, neben dem Studium bei einem Anwalt zu arbeiten?

Natürlich kann ich nicht vollumfänglich zustimmen, aber ein Ratschlag dem man im Großen und Ganzen zustimmen kann.

Dafür hält Ratschlag Nr. 7 wieder interessante Ideen parat!

Wie besuche ich ein Repetitorium so effektiv wie möglich?

Repotitorium? Gut, über Sinn und Zweck kann man auch streiten, gehen wir aber für diesen Beitrag davon aus, das es zahlreiche Studenten gibt, denen das Rep vor dem Examen durchaus hilft. Der Autor hat nun jedoch einen interessanten Ansatz:

[…] Wie kann nun, angesichts dieses straffen Zeitplans, der zweimalige Besuch eines juristischen Repetitoriums eingeplant werden? […] Innnerhalb weniger Wochen lernt man in einem Repetitorium so viel, wie im gesamten vorherigen Jurastudium. Sofort bereuen die meisten Jurastudenten, dass sie das Rep nicht viel früher aufgesucht und stattdessen zuviel Zeit an der Universität verbracht haben. […] Ich empfehle Ihnen das folgende: […] besuchen Sie ein privates Repetitorium zweimalig. Nutzen Sie dafür beispielsweise das vierte und fünfte Semester für den ersten Durchgang, und dann das sechste und siebte Semester für den zweiten.

Wie wäre es statt dessen mit der Lektüre von Fachbüchern? Wieviel Seiten Lehrbuch schafft man noch gleich an 3-4 Vormittagen in der Woche?

Seien Sie nicht von dem Gedanken irritiert, dass Sie ohne Vorkenntnisse nicht in ein Repetitorium gehen könnten. Dieser Gedanke ist absolut fatal! Sie können im Rahmen Ihres universitären Studiums maximal 20 Prozent des examensrelevanten Wissens erlangen. Die restlichen 80 Prozent werden Ihnen im Repetitorium beigebracht.

Und warum Herr Kollege? Warum? Weil die Studenten nur stupide ihre Fälle lösen wie ein Subsumtionsautomat, Definitionen auswendig lernen und Standardstreits wiederkäuen. Wer hingegen schon frühzeitig Bücher (und nicht nur Richter- oder Niederle-Skripten) liest, der kann durchaus auch auf höhere Werte kommen.

Was bleibt? Man kann nur hoffen, das viele Studenten den Schmarrn (und mehr ist es leider nicht) nicht lesen bzw. über Google zu dieser Kritik geleitet werden. Ein erfolgreiches Jurastudium ist ohne Fleiß nicht denkbar, insbesondere Lesefleiß. Der Umgang mit dem Text ist die entscheidende Übung. Den richtigen Umgang lernt man auch noch in der Universität. Hier sollte man sich auch ruhig im ersten Semester „treiben“ lassen: In Vorlesungen, in Übungen und in die Bibliothek. Gerade letztere wird ohnehin oft zum 2. zu Hause bis nach dem 2. Examen. Also keine Scheu! Und nicht vergessen: Falllösung ist wichtig, aber ohne Grundlagen wird es nur zum lausigen Examen reichen.

Hanns Martin Schleyer und die Veruntreuung studentischer Gelder

Normalerweise halte ich „Hamburgensien“ ja aus diesem – ursprünglich aus Berlin stammenden – Blog fern. Wenn es dann aber eine Hamburgensie in die bundesweite Berichterstattung schafft, ist dies einen Eintrag wert. Was ist passiert?

Der AStA (Allgemeiner Studierendenausschuss) der Universität Hamburg gibt als Organ der Verfassten Studierendenschaft jährlich einen (für die Studenten kostenlosen) Papierkalender in einer Auflage von 12.000 Stück heraus (wobei mir schon nicht ganz klar ist, ob von ca. 38.000 Studenten immer noch 12.000 einen Papierkalender nutzen). Dieser sogenannte „KalendAStA“ ist jüngst wieder zum Semesterbeginn erschienen und enthält neben zahlreichen Informationen über das Studium und einigen veganen Rezepten bereits vorgedruckt viele mehr oder weniger wichtige Termine. Dies sind neben dem „Internationalen Frauenkampftag“ (8.3.), dem „Welttag der Jogginghose“ (21.1.) oder dem Tag, an dem ein paar Studenten mit schlechtem Benehmen dem ehemaligen Wissenschaftssenator Dräger eine Torte gegen den Kopf schleuderten (4.2.2004) bzw. demselben Fischköpfe entgegen warfen (30.1.2003) auch einige fragwürdige Einträge:

1977: Mit seinem Tod schafft Hanns-Martin Schleyer die Voraussetzung für die nach ihm benannte Mehrzweckhalle in Stuttgart (18.10.)

2008: Jörg Haider verunglückt bei einem Autounfall; vermutlich weil er zu weit rechtsaußen fuhr (11.10.)

2003: Der FDP-Politiker und Antisemit Jürgen W. Möllemann fällt aus einem Flugzeug (5.6.)

Diese Zitate haben inzwischen ein breites Medienecho zur Folge gehabt, insbesondere im Hinblick auf Hanns Martin Schleyer (Spiegel Online, Hamburger Abendblatt, Bild, Deutschlandfunk). Auch ins Fernsehen hat es diese „Affäre“ geschafft (RTL regional, Hamburg 1 – besonders sehenswert ist hier die untaugliche Einlassung eines AStA-Vertreters). Die Söhne von Hanns Martin Schleyer haben den Presseberichten zufolge bereits Strafantrag wegen der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener gestellt (§ 189 StGB). Dieser Tatbestand soll uns jedoch im Folgenden nicht weiter beschäftigen.

Das Medieninteresse rührt nämlich vor allem daher, dass der Hamburger Rechtsanwalt und (parteilose) Bürgerschaftsabgeordnete Walter Scheuerl Strafanzeige wegen Verdachts der Untreue (§ 266 StGB) gegen den AStA gestellt hat (zur Pressemitteilung). Hier ist – im Gegensatz zu §§ 189, 194 Abs. 2 StGB – kein Strafantrag der Angehörigen erforderlich.

Auch wenn der Prüfung dieser Strafanzeige durch die Hamburger Staatsanwaltschaft nicht vorweggegriffen werden soll, so stellt sich doch die Frage, ob das Verhalten der Studentenvertreter strafrechtlich als Untreue zu bewerten ist. Grundsätzlich ist anerkannt, dass AStA-Mitgliedern durch eine Verletzung ihrer Pflicht, die Vermögensinteressen der Studierendenschaft wahrzunehmen, eine Strafbarkeit wegen Untreue (§ 266 Abs. 1 Alt. 2 StGB) drohen kann, wenn Haushaltsmittel der Studierendenschaft zweckwidrig verwendet werden (vgl. nur BGHSt 30, 247; LG Marburg NVwZ 2000, 353; OLG Hamm NJW 1982, 190). Zur zweckwidrigen Verwendung gehört dabei bereits die Verwendung studentischer Gelder für allgemeinpolitische Zwecke, weil die Mitglieder des AStA eine Vermögensbetreuungspflicht haben (vgl. Neukirchen/Reußow/Schomburg, Praxiskommentar HmbHG, § 102 Rn 31 m.w.N.) und den (Hamburger) Studentenschaften nur ein sog. „hochschulpolitisches“, nicht aber ein „allgemeinpolitisches“ Mandat zusteht (vgl. zum Ganzen Neukirchen/Reußow/Schomburg, § 102 Rn 10 ff.). Dies resultiert aus der Eigenschaft der Studierendenschaft als Zwangskörperschaft öffentlichen Rechts (Thieme, Dt. Hochschulrecht, 3. Aufl. 2004, Rn 944). Durch diese in § 102 HmbHG festgelegte rechtliche Konstruktion sind alle Studenten der Universität Hamburg verpflichtet, Beiträge an die Zwangskörperschaft zu zahlen (momentan EUR 10,- pro Semester). Dieser Eingriff in die allgemeine Handlungsfreiheit aus Art. 2 Abs. 1 GG wird allgemein als verfassungsrechtlich zulässig erachtet (vgl. nur BVerfG NVwZ 2001, 190 ff. sowie Neukirchen/Reußow/Schomburg, § 102 Rn 2 Fn 5 m.w.N.), wenn denn die Grenzen des hochschulpolitsichen Mandats eingehalten werden. Soweit die Mittel jedoch nicht im Rahmen der gesetzlichen Aufgabenzuweisung verwendet werden, setzen sich die handelnden AStA-Mitglieder über die vorgesehene Zweckbindung hinweg (Peters/Schulte, WissR 36 [2003], 325, 341 f.).

Die Grenzen der ordnungsgemäßen Mittelverwendung dürften hier jedoch noch nicht überschritten sein. Meiner Ansicht nach ist der mir vorliegende „KalendAStA“ ein zulässiges Werbemittel im Rahmen der vorgesehenen Aufgaben der Studierendenschaft gemäß § 102 Abs. 2 HmbHG. Auch wenn die drei oben aufgeführten Zitate einen allgemeinpolitsichen Bezug haben und damit zunächst – für sich betrachtet – unzulässig sind, machen sie jedoch im Vergleich mit dem übrigen Inhalt des „KalendAStA“ nur einen verschwindend geringen Anteil aus, der eine generelle Zweckentfremdung der Zwangsbeiträge ausscheiden lässt.

Im Ergebnis lässt sich wohl festhalten, dass es sich um drei ganz besondere Geschmacklosigkeiten handelt, wie sie selbst in Studierendenschaften (also dem Ort, wo viele Akteure ihre gute Kinderstube gerne einmal vergessen), nur selten vorkommen. Eine strafbare Untreue dürfte jedoch im Ergebnis nicht vorliegen. Was uns wieder einmal lehrt, dass nicht jede Geschmacklosigkeit auch strafbar ist.

Gleichwohl hat der einzelne Student gegen die Wahrnehmung eines allgemeinpolitischen Mandats einen Unterlassungsanspruch, der im verwaltungsgerichtlichen Verfahren auch durchsetzbar ist (vgl. ausführlich Neukirchen/Reußow/Schomburg, § 102 Rn 42 ff.). Die hierfür anfallenden Kosten – zumindest aber die Ordnungsgelder bei weiteren Verstößen – dürfen dann jedoch nicht aus den Mitteln der Studierendenschaft beglichen werden, sondern sind wegen der Überschreitung der Rechte von den handelnden Organmitgliedern selbst zu übernehmen (vgl. Neukirchen/Reußow/Schomburg, § 102 Rn 31). Anderenfalls liegt der Verdacht der Untreue wieder nahe.

Vielleicht hat sich das Problem aber auch bereits von selbst erledigt, denn wie der aktuellen Berichterstattung zu entnehmen ist, wurden die Kalender „gestohlen„. Die Frage nach einer möglichen Strafbarkeit bei der Entwendung von „Gratis-Abgaben“ soll an dieser Stelle der …jurabilis-Leserschaft in den Kommentaren vorbehalten bleiben.

Disclaimer: Der Verfasser war selbst viele Jahre lang in verschiedenen Gremien der Verfassten Studierendenschaft der Universität Hamburg aktiv, hegt aber keinerlei Sympathie für diese Art von Außendarstellung.

Innovative Vorschläge gegen Juristenschwemme in den USA

Ungewöhnliche Vorschläge zur Eindämmung der Juristenschwemme:

In addition to reporting average results, schools should disaggregate data to avoid misleading applicants at greatest risk of failure. For example, how did previous applicants with low entering test scores and college grades fare after graduation? Anyone who starts law school with less than a 50 percent chance of passing the bar within three years of graduation should be required to sign a special waiver that he has been informed about the riskiness of his education investment. Warning high-risk applicants before they matriculate helps them protect themselves and reduces the government’s risk of unpaid loans in the future.

Und wenn das nicht reicht, sollen finanzielle Anreize gesetzt werden:

Law schools might analogously offer to rebate half of a student’s first-year tuition if the student opts to quit school at the end of the first year. (If the student has taken out government loans, this rebate would first go to repay this debt.) A half-tuition rebate splits the loss of an aborted legal career between the school and the student. Each has skin in the game, so students will not go to law school lightly, and law schools will have better incentives not to admit students likely to fail.
The idea is to mark the end of the first year, after students have received their grades, as a salient decision-making point. At that time, students will have learned more about their legal abilities and inclinations. Law schools will also have learned more about each student’s abilities, and schools could now disclose how previous students with similar first-year grades fared after graduation. Students accepting the offer would be choosing to quit not just their school, but the pursuit of a law degree. Anyone who took the money but re-enrolled in another law school—within, say, five years—would have to repay the rebate. This would guard against the risk that good students would take the rebate and transfer to another school just to reduce their cost of becoming a lawyer.

Jurastudentin wegen „Beamtenbeleidigung“ vor Gericht

Die Qualitätspresse berichtet:

Anklage: Beleidigung.
Die Angeklagte: Studentin im ersten Semester.
Fach: ausgerechnet Jura.
„Arme Sau!“ und „Du hast doch sowieso nur einen IQ von 88“, soll die blonde Studentin gesagt haben.
ZU ZWEI POLIZISTEN!

Wie der Jurastudent schon im zweiten Semester lernt, stellt die Beleidigung eines Polizeibeamten natürlich einen unbenannten schweren Fall der Beleidigung dar. Das gehört dann zwingend vor den Kadi!

Der Hintergrund wird natürlich auch berichtet (und da es nicht soviel ist, bitte dem Link folgen, damit hier kein Vollzitat steht).

Die Staatsanwaltschaft hatte im Vorfeld angeboten, das Verfahren gegen 60 Stunden gemeinnützige Arbeit einzustellen. Franziska H. lehnte ab. […] In Jugendjahren fiel sie bereits wegen Diebstahls, versuchten Betrugs und Urkundenfälschung auf. Dass das jetzt im Register steht, scheint sie auch nicht gewusst zu haben.

Nach einem prozessualen „Kniff“ (‚Sollen wir alle Zeugen hören?‘) hat der liebe Richter am Amtsgericht auch noch belehrend und befriedigend eingegriffen.

Richter: „Sie studieren Jura! So geht das nicht weiter.“

Der hat gesessen; die Studentin akzeptiert eine Einstellung nach § 153a StPO (250€) und

zum Schluss entschuldigt sie sich im Saal sogar noch bei den Polizisten.

Happy End!

Berliner Jurastudentin muss Lebensmittel von der Tafel holen!

Skandal! Die Berliner Zeitung berichtet über eine Berliner Jurastudentin, die Lebensmittel von der Tafel holen muss!

[…] vor der St. Markus-Kirche in Friedrichshain […] Janina P. fällt auf. Die 27-Jährige ist jünger als die anderen, trägt Bluejeans und Blazer. […] Sie ist Jura-Studentin. […]

Als Gründe für den Studentenzustrom nennt Heil die gestiegenen Lebenshaltungskosten. Die jungen Leute würden über hohe Mieten und weniger verfügbare Jobs klagen. Maria Rohde von der Sozialberatung des Studentenwerks nennt noch ein Problem: „Im Zuge der Umstellung auf das Bachelor- und Mastersystem sind viele Studiengänge verschult worden, es gibt Stundenpläne und Anwesenheitspflicht. Oft ist es Studenten zeitlich nicht möglich, einen Nebenjob in ihren Uni-Alltag zu integrieren.“

Kann zumindest für Jurastudenten mangels Bachelor/Master nicht zutreffen, oder?

Eigentlich sollte in diesem Fall die Bafög-Unterstützung greifen, doch nicht alle Studierenden erfüllen die Kriterien. […]
Dem widerspricht Janina P. . „Es ist mir peinlich, abgelaufene Lebensmittel nötig zu haben“, sagt sie. […] „Doch was wäre die Alternative? Einen Studentenkredit aufnehmen und mein Leben mit einem Schuldenberg starten? Nein, danke.“

Vielleicht? Ist ja nun nicht total unüblich… Aber wir erfahren mehr:

Die Jura-Studentin bekommt kein Bafög mehr. „Ich studiere schon länger, als es die Regelstudienzeit vorschreibt. Das Bafög wurde mir im März gestrichen.“ Seitdem lebe sie von 508 Euro im Monat: 400 Euro Gehalt aus ihrem Nebenjob und 108 Euro Wohngeld. Ihre Mutter sei Frührentnerin und selbst in Finanznöten.

Aha! 508€ reichen in Berlin nicht mehr für ein WG-Zimmer, das Semesterticket und paar Lebensmittel aus dem Discounter? Vielleicht verprasst die Dame ja gerade ihr Geld in einem Kommerz-Rep (Achtung: nur Vermutungen!)? Also als Single find ich jetzt 508€ nicht Tafel-zwingend, wohl er ein Umstellungsproblem nach dem Bafög-Wegfall? Und Abschluss in der Regelstudienzeit ist eigentlich auch kein Kunststück …